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Spinnenschiss

Mein Landleben Spinnenschiss

Jeden Abend mache ich eine Liste. Ich schreibe die Dinge, die am nächsten Tag erledigt werden müssen, auf frisches Papier. Dieser Zettel bleibt nachts auf meinem Schreibtisch liegen. Am nächsten Morgen sind oft Punkte auf dem Papier, die ich nicht gemacht habe.

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Spinnen hinterlassen nicht nur zauberhafte Kunstwerke in der Natur.

Quelle: Weber

Von Anke Weber. Zuerst glaubte ich an bösartige Heinzelmännchen, die heimlich winzige Tintenkleckse auf dem Blatt verteilen. Dann machte ich Fliegen dafür verantwortlich. Doch irgendwann kam die Erkenntnis. Das war, als ich bei einer Freundin zu Besuch war und sie über Spinnenschiss lamentierte. Ich hatte keine Ahnung, wovon sie redete. Doch sie zwang mich auf die Knie, ließ mich einen Blick unter eine Kommode werfen und lehrte mich, was Spinnenschiss ist.

 Es gibt Tiere, die ich eindeutig weniger mag als andere. Spinnen gehören dazu. Einen winzigen Sympathie-Bonus gewähre ich ihnen nur jetzt, in dieser Altweibersommer-Zeit, wenn ihre Netze am Wegesrand so mystisch glitzern. Das ist allerdings auch die Zeit, in der sie vermehrt mein Haus aufsuchen und ihren Kot auf Tische und Fensterrahmen stempeln. Natürlich bin ich bestrebt, mein Haus akribisch spinnenfrei zu halten. Ich mache es klassisch mit einem Glas und einer Pappe. Diese modernen Insektenfang-Dinger, die wie ein verlängerter Greifarm funktionieren, habe ich abgewählt. Sie sind zu klein. Wenn ich mir schon die Mühe mache, Spinnen lebendig einzufangen, dann sollen sie auch ihre Beine behalten. So verbringe ich wertvolle Bürozeit oft mit dem Fangen von Spinnen. Eine Herausforderung, obwohl ich meine Spinnen-Phobie längst auf ein Minimum an Ekel reduziert habe. Jedenfalls bin ich abends, wenn ich die Papiere auf meinem Schreibtisch ordne, davon überzeugt, ein spinnenfreies Büro zu hinterlassen.

 Dann, am nächsten Morgen, habe ich wieder dieses Gefühl, von bösartigen Heinzelmännchen aufgesucht worden zu sein. Zaghaft frage ich in den Raum: „Wer hat auf mein Papier gemacht?“ Es meldet sich nie jemand. An konzentriertes Arbeiten ist natürlich nicht mehr zu denken. Denn seit dem Blick unter die Kommode meiner Freundin weiß ich genau, dass mir kein Fabelwesen auf den Schreibtisch gekackt hat. Das waren ganz realistische Spinnen. Und die sind irgendwo in meinem Büro. Vielleicht ist meine Spinnen-Phobie doch noch nicht ganz besiegt.

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Neue SN-Kolumne: Mein Landleben
  • Landleben ist trendy . Neuerdings hat sogar der Stadtmensch seine Liebe zum Land entdeckt und blättert sich sehnsüchtig durch die Hochglanz-Magazine. Anmutig schimmern da die Tautropfen auf prallen Beeren und die hochwertige Rosenschere mit Holzgriff liegt im aufgeräumten Schuppen.
  • Etwas anders stellt sich das Landleben in den Augen unserer Autorin Anke Webe r dar. Die SN-Journalistin hat schon immer auf dem Land gelebt und sieht in jeder üppig blühenden Blume auch den Dreck unter den Fingernägeln. Ihre Eindrücke vom Leben zwischen Steinhuder Meer, Deister und Wesergebirge schildert sie ab sofort jeden Sonnabend in der neuen SN-Kolumne „Mein Landleben“.