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Springkraut-Euphorie

Mein Landleben Springkraut-Euphorie

Wenn ich am Wegesrand Springkraut sehe, muss ich zwanghaft verharren und wenigstens ein paar Fruchtkapseln zwischen meinen Fingern zerspringen lassen. Diese Freude ist ein Relikt meiner Kindheit.

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Kleiner Spaß beim Spaziergang: Springkraut zerplatzen lassen.  Weber

Von Anke Weber. Es fühlt sich irgendwie witzig an, wenn die Kapsel aufplatzt und die Samen in alle Richtungen springen. Quasi wie Brausepulver für die Finger. Während mein Hund ungeduldig neben mir sitzt und keine Ahnung hat, für welche Art von Fingerkribbeln ich stehenbleibe, fällt mir ein, dass das große Springkraut auch Rührmichnichtan genannt wird. Der Name ruft ja geradezu dazu auf, sich ihm zu widersetzen.

Hat gar das namentlich verbotene Berühren des Krautes in Kindertagen die aufmüpfige Seite in mir befriedigt? Eine Art stiller Trotz? Und lässt das so tief blicken, wie es bei anderen Zwängen angeblich der Fall ist? Bei dieser Art Gedanken wurde mir jetzt klar, dass ich auch an Pusteblumen nicht vorbeigehen kann. Zwei oder drei muss ich pflücken und ihr Saatgut in die Welt pusten.
Noch schlimmer sind Schneebeeren. Das sind diese kleinen weißen Strauchfrüchte, die annähernd die Eigenschaft von Knallerbsen aufweisen. Es knallt also, wenn man sie kraftvoll auf Asphalt wirft oder sie auf eine bestimmte Art und Weise mit dem Fuß zertritt. Als Kind habe ich sie Knacker genannt. Wahrscheinlich, weil sie bezüglich der Lautstärke doch nicht ganz an Knallerbsen heranreichen.

Das Abgerupfe von Naturgut ist früher übrigens nicht nur so ein Mädchending gewesen. Jungen sind nur etwas kriegerischer an die Sache herangegangen. Überwiegend haben sie Äste abgebrochen, um bewaffnet zu sein. Oder sie haben Hagebutten abgerissen, um die Mädchen mit Juckepulver zu ärgern. Ich kenne allerdings keine erwachsenen Männer, die das heute noch tun.

Sehr wohl kenne ich aber Frauen, die immer noch den Gänseblümchen die Blütenblätter herausreißen und „er liebt mich, er liebt mich nicht“ dazu aufsagen. Oft brauchen sie sehr viele Gänseblümchen, bis dieser mörderische Akt mit „er liebt mich“ endet. So kann man sich die Welt auch schönreden. Also ich binde aus den Blümchen lieber einen Kranz. Ist irgendwie friedvoller. Besonders, wenn mein Mann mir mit Konzentrations-Falte auf der Stirn schon sorgsam geschlitzte Blümchen anreicht. Wer braucht da noch ein Gänseblümchen-Orakel? Aber woher kam jetzt der Gedankensprung zu den Gänseblümchen? Egal. Muss wohl am Springkraut liegen.

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Neue SN-Kolumne: Mein Landleben
  • Landleben ist trendy . Neuerdings hat sogar der Stadtmensch seine Liebe zum Land entdeckt und blättert sich sehnsüchtig durch die Hochglanz-Magazine. Anmutig schimmern da die Tautropfen auf prallen Beeren und die hochwertige Rosenschere mit Holzgriff liegt im aufgeräumten Schuppen.
  • Etwas anders stellt sich das Landleben in den Augen unserer Autorin Anke Webe r dar. Die SN-Journalistin hat schon immer auf dem Land gelebt und sieht in jeder üppig blühenden Blume auch den Dreck unter den Fingernägeln. Ihre Eindrücke vom Leben zwischen Steinhuder Meer, Deister und Wesergebirge schildert sie ab sofort jeden Sonnabend in der neuen SN-Kolumne „Mein Landleben“.