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Stallwunder

Mein Landleben Stallwunder

Es ist Frühjahr. Alle Tiere bekommen Babys. Rehe, Hasen, Wildschweine und Katzen auf Bauernhöfen erledigen das ganz alleine. Neulich habe ich die Geburt eines Fohlens erlebt. Seitdem weiß ich, wie viel Drama sich dabei abspielt.

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Zwischen Sorge und Faszination: Ein Fohlen kommt auf die Welt.

Quelle: Anke Weber

Mein Landleben. Tagelanges Warten, Bangen und Kontrollieren. Dann die ersten Anzeichen. Ich habe mitgelitten. Die Stute atmete schwer und schwitzte. Ich schwitzte mit ihr. Hatte Angst um sie und ihr Fohlen. Hoffte, dass alles gut gehen würde. Wartete. Und fotografierte. Fast kam es mir schäbig vor, die Stute in einem derart intimen Moment abzulichten. Überhaupt nur zuzugucken und ihrem Ringen beizuwohnen. Doch dann legte sich die Stute ins Stroh und ein Kopf zwischen langen Vorderbeinen kam zum Vorschein. Ein zarter Pferdekopf in einer milchig-durchsichtigen Hülle. Fast wie in Frischhaltefolie gewickelt. Einem Alien gleich. Ein Wesen zwischen den Welten. Nicht mehr dort und noch nicht hier. Die Augen geschlossen. Mein schlechtes Gewissen war vergessen. Was für ein Wunder. – Ein schnelles Wunder. Denn plötzlich stand die Stute auf. Neue Angst. Sie würde doch nicht aus Versehen auf das Fohlen treten? Auf einmal war auch diese milchige Frischhaltefolien-Ei-Hülle durchbrochen und das Fohlen wühlte sich aus ihr hervor. Ein faszinierender Augenblick voller gegensätzlicher Empfindungen. Noch war es nicht richtig niedlich, das Fohlen. Ein nasses Etwas in einer Szene voller blutiger Flüssigkeit und Schleim. Außerdem hielt die Sorge an: Würde es aufstehen und trinken?
Und dann, von einem Moment auf den anderen, änderte sich der Anblick und damit das Gefühl. Die Sonne schien durch das Stallfenster und der Staub des aufgewirbelten Strohs glitzerte im Licht. Die Stute säuberte das frisch geborene Fohlen mit der Zunge. Ein Moment, wie er perfekter nicht hätte sein können. Als gäbe es keine Welt drumherum und nur diesen einen Stall voller Liebe, Schönheit und Licht. Manchmal ist es eine Qual, bis das Glück sich zeigt.

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Neue SN-Kolumne: Mein Landleben
  • Landleben ist trendy . Neuerdings hat sogar der Stadtmensch seine Liebe zum Land entdeckt und blättert sich sehnsüchtig durch die Hochglanz-Magazine. Anmutig schimmern da die Tautropfen auf prallen Beeren und die hochwertige Rosenschere mit Holzgriff liegt im aufgeräumten Schuppen.
  • Etwas anders stellt sich das Landleben in den Augen unserer Autorin Anke Webe r dar. Die SN-Journalistin hat schon immer auf dem Land gelebt und sieht in jeder üppig blühenden Blume auch den Dreck unter den Fingernägeln. Ihre Eindrücke vom Leben zwischen Steinhuder Meer, Deister und Wesergebirge schildert sie ab sofort jeden Sonnabend in der neuen SN-Kolumne „Mein Landleben“.