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Mein Landleben Stöcke sammeln

Meine Freundin hatte Geburtstag. Ich habe monatelang über das Geschenk nachgedacht und schließlich eine Kette gekauft. Aber ich war noch nicht zufrieden.

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Kettenaufbewahrung: In jedem Stock stecken unzählige Möglichkeiten.

Quelle: Anke Weber

Mein Landleben. Es war ein runder Geburtstag, dem ich möglichst mit einem handgemachten Geschenk gerecht werden wollte. Bei meinen Überlegungen fiel mein Blick auf eine Ketten-Aufbewahrung, die ich einmal für mich angefertigt hatte: ein Ast mit Schraubhaken, der nun samt Ketten an der Wand hing. Das passte zu einer Kette und war quasi Kunsthandwerk. Also ging ich mit meinem Hund zum Waldrand und suchte nach einem passenden Ast für meine Freundin.

Ich brauchte einen wettergebleichten Stock ohne Rinde. Alle paar Schritte verharrte ich, zog Äste aus hohem Gras hervor, ließ sie wieder fallen oder nahm sie mit. Es war nicht leicht, meine Beute vor dem Hund zu schützen. Er transportiert gerne Äste.

Es war auch nicht leicht, gleichzeitig die Leine, den umhertänzelnden Hund und die Äste zu handhaben. Zumal die Ast-Sammlung größer und schwerer wurde. Immer wieder entdeckte ich neue Stöcke, die für das Projekt geeignet waren. Als ich zu Hause ankam, waren zwei Stunden vergangen und meine Arme verkrampft.

Den schönsten Stock bearbeitete ich mit Schleifpapier, bis er der Hand schmeichelte. Schließlich kaufte ich Schraubhaken und vollendete mein Werk. Eine Leichtigkeit im Vergleich zu dem Zeit- und Gedankenaufwand für das gekaufte Ketten-Geschenk. Doch schon beim Auspacken wusste ich, dass es der selbstgemachte Teil des Geschenks war, der meine Freundin wirklich erfreute.

Tatsächlich kam mein Kettenaufbewahrungs-Stock so gut an, dass ich diverse Bestellungen bekam. Seitdem ist jeder Hundespaziergang ein Sammel-Ausflug. Ich scanne den Erdboden und spüre die schönsten Äste auf. Dabei fühle ich mich ein bisschen wie damals, als wir Kinder durch Wald und Feld gestreift sind und ebenfalls Ausschau nach Stöcken gehalten haben. Wir benutzten sie als Wanderstock, Gewehr oder Zauberstab, als Pferd, als Hochsprungstange oder als – was auch immer unser Spiel von den Ästen erforderte. Manchmal trugen wir sie nach Hause und schnitzten aus ihnen Pfeile oder verzierten sie mit Pinsel und Farbe.

Genau das mache ich jetzt auch wieder. Umherstreifen, Stöcke sammeln und verarbeiten. Und dann verschenke ich meine Werke. Ein Geschenk, bei dem mir nie ganz klar ist, wer mehr Freude daran hat – die Beschenkte oder die Schenkende. Klar ist aber, dass Kinder instinktiv wissen, was der Seele guttut: Im Wald umherstreifen und Stöcke sammeln. Und dass Wald und Feld die besten Geschenke zu bieten haben. Anke Weber

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Neue SN-Kolumne: Mein Landleben
  • Landleben ist trendy . Neuerdings hat sogar der Stadtmensch seine Liebe zum Land entdeckt und blättert sich sehnsüchtig durch die Hochglanz-Magazine. Anmutig schimmern da die Tautropfen auf prallen Beeren und die hochwertige Rosenschere mit Holzgriff liegt im aufgeräumten Schuppen.
  • Etwas anders stellt sich das Landleben in den Augen unserer Autorin Anke Webe r dar. Die SN-Journalistin hat schon immer auf dem Land gelebt und sieht in jeder üppig blühenden Blume auch den Dreck unter den Fingernägeln. Ihre Eindrücke vom Leben zwischen Steinhuder Meer, Deister und Wesergebirge schildert sie ab sofort jeden Sonnabend in der neuen SN-Kolumne „Mein Landleben“.