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Teilen für Fortgeschrittene

Mein Landleben Teilen für Fortgeschrittene

Teilen ist modern. Sehr trendy. Deshalb heißt es jetzt Sharing. Der hippe Mensch teilt quasi alles.

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Sharing als Arbeitserleichterung.

Quelle: Weber

Von Anke Weber

Zuerst war es das Auto. Es wird ausschließlich in der Stadt geteilt. Niemals auf dem Land. Da braucht jeder sein eigenes Gefährt. Das muss direkt vor der Tür stehen. Immer. Das Auto ist das zweite Zuhause der Dorfbevölkerung. Da ist alles drin. Regenjacke und Gummistiefel, Teekanne, Hundedecke, Bonbons, Kleingeld, Taschentücher, die Schuhsohlen-Dreckplacken der letzten fünf Monate, meistens ein paar Flaschen Bier und alles, was man sonst noch so braucht. Geteilt wird da höchstens das Bier aus dem Kofferraum. Abgesehen vom Auto sind die Landbewohner jedoch extrem teilfreudig. Genau genommen wurde das Sharing auf dem Dorf erfunden.

Früher haben sich drei oder fünf Höfe den Mähdrescher geteilt. Oder sogar das Telefon. Da musste man erst mal drei Häuser weiter zu Oma Ella gehen, bevor man mit Onkel Paul in Hannover telefonieren konnte. Also, was das Teilen betrifft, war die Landbevölkerung schon immer ganz weit vorne. Und jetzt wird in der Großstadt so getan, als wäre das alles ganz neu. Carsharing, Booksharing, Bikesharing – das muss natürlich so heißen, weil es sonst ganz blöd klingen würde. Autoteilen zum Beispiel – das würde als Schriftzug auf einem Schild so aussehen, als hätte der Händler für Kfz-Ersatzteile Probleme mit der Rechtschreibung. Jedenfalls macht das Teilen, seit es Sharing heißt, allen viel mehr Spaß.

Bis so eine Trendwelle auf dem Land ankommt, kann es eine Weile dauern. Aber wenn es soweit ist, wird mitgemacht. Das war schon mit dem Turnen so. Früher wurde es einmal pro Woche auf dem Saal praktiziert. Irgendwann wollte niemand mehr turnen. Aber seit das Turnen Yoga heißt, gefällt es allen wieder viel besser. Mit dem Sharing ist es nicht anders. Das wollen jetzt alle wieder mitmachen. Auch, wenn das ein ganz alter Hut ist. Schwierig ist dabei nur, dass der Landmensch sein Auto gar nicht teilen will. Das Fahrrad ebensowenig. Mit wem auch, wo doch jeder ein eigenes Auto oder Fahrrad hat? Deshalb wird der Trend einfach landkompatibel gemacht – und die Leute teilen eben andere Dinge.

Pferde zum Beispiel. Das heißt dann aber nicht Horsesharing, sondern Reitbeteiligung. Ganz leicht verständlich. Neulich habe ich eine nachahmungswürdige Innovation am Straßenrand entdeckt. Für Leute, die nicht einmal ihr Pferd teilen wollen. Die stellen einfach das, was aus dem Tier hinten rauskommt an die Straße. Da macht die Entsorgung der Pferdeäpfel gleich viel mehr Spaß. So schön kann Sharing sein.

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Neue SN-Kolumne: Mein Landleben
  • Landleben ist trendy . Neuerdings hat sogar der Stadtmensch seine Liebe zum Land entdeckt und blättert sich sehnsüchtig durch die Hochglanz-Magazine. Anmutig schimmern da die Tautropfen auf prallen Beeren und die hochwertige Rosenschere mit Holzgriff liegt im aufgeräumten Schuppen.
  • Etwas anders stellt sich das Landleben in den Augen unserer Autorin Anke Webe r dar. Die SN-Journalistin hat schon immer auf dem Land gelebt und sieht in jeder üppig blühenden Blume auch den Dreck unter den Fingernägeln. Ihre Eindrücke vom Leben zwischen Steinhuder Meer, Deister und Wesergebirge schildert sie ab sofort jeden Sonnabend in der neuen SN-Kolumne „Mein Landleben“.