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Trennungsschmerz

Mein Landleben Trennungsschmerz

Sie hatten es ja angekündigt - die vom Wetterdienst: Der Herbst kommt. Plötzlich ist es kühl morgens. Die Äpfel fallen von den Bäumen, ich brauche eine Jacke und die Pilz-Saison hat sich mit einer ersten Marone ebenfalls angekündigt. Sogar mein Hund hat die Veränderung bemerkt.

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Abschied vom Sommer - der Hund räumt den Garten auf.

Quelle: Weber

Von Anke Weber

Während ich noch auf ein erneutes Erblühen der Pflanzen in den Blumenkübeln gehofft habe, ist der Rüde tätig geworden. Eigenständig hat er welkende Blumen aus den Töpfen entfernt und mir mit dreckverschmierter Schnauze ins Büro getragen. Danke, kleiner Hund. Ich habe es kapiert. Der Sommer ist vorbei.
Tatsächlich hatte ich mich etwas gesträubt, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen. Ich habe nämlich Trennungsschmerz. Während ich das Ende eines Herbstes, Winters oder Frühlings gut verkraften kann, empfinde ich am Ende eines Sommers immer Wehmut. Über 24 Grad fühle ich mich einfach wohler. Aber das ist nicht der einzige Grund. Inzwischen weiß ich, dass es etwas mit meiner Tochter zu tun hat. Der wahre Jahreswechsel im Eltern-Leben findet nämlich zwischen Sommer und Herbst statt. So haben massenhaft Eltern in den vergangenen Wochen Schultüten gebastelt. Schon nächste Woche werden sie mit Stolz und Wehmut an Bushaltestellen stehen und ihren Schützlingen hinterherwinken. Ich erinnere mich noch gut an die Schultüte, die ich gebastelt habe - gelb mit Pony und Blümchen. Andere Eltern bringen ihre Kinder zum ersten Mal in den Kindergarten oder geben sie am Check-In-Schalter eines Flughafens ab. Auslandsaufenthalt nennt sich das und bedeutet: Weihnachten ohne Kind. Schließlich sind da auch noch die Kinder, die wirklich ausziehen. In eine andere Stadt. Ausbildung oder Studium.
Bei mir ist es jetzt auch soweit. Über zwei Stunden Autofahrt werden meine Tochter und mich trennen. Und da ist sie wieder - diese merkwürdige Mischung aus Stolz und Wehmut, die irgendwo zwischen Herz und Bauch ein diffuses Ziehen verursacht. Freude über den neuen Lebensabschnitt. Bangen. Hoffen. Wünschen. Und Basteln. Dieses Mal keine Schultüte. Dieses Mal wird an der Wohnung gebastelt. Und ich sehe mich schon wehmütig hinterherwinken. Nicht an der Bushaltestelle, sondern vor dem eigenen Gartentor. Nicht dem Bus, sondern dem Auto. Da gehen gleichzeitig ein ganzer Sommer und ein ganzes Kinderleben dahin. Nichts davon möchte man ziehen lassen. Weder das Kind. Noch den blumenbunten Sommer. Und dann steht da plötzlich wieder der kleine Rüde und wirft mir die Schuhe meiner Tochter vor die Füße. Ja, ich habe es kapiert. Pilz-Mahlzeiten und Ofenfeuer im Herbst sind ja auch ganz schön.
Anke Weber

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Neue SN-Kolumne: Mein Landleben
  • Landleben ist trendy . Neuerdings hat sogar der Stadtmensch seine Liebe zum Land entdeckt und blättert sich sehnsüchtig durch die Hochglanz-Magazine. Anmutig schimmern da die Tautropfen auf prallen Beeren und die hochwertige Rosenschere mit Holzgriff liegt im aufgeräumten Schuppen.
  • Etwas anders stellt sich das Landleben in den Augen unserer Autorin Anke Webe r dar. Die SN-Journalistin hat schon immer auf dem Land gelebt und sieht in jeder üppig blühenden Blume auch den Dreck unter den Fingernägeln. Ihre Eindrücke vom Leben zwischen Steinhuder Meer, Deister und Wesergebirge schildert sie ab sofort jeden Sonnabend in der neuen SN-Kolumne „Mein Landleben“.