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Unersetzlich

Über die geliebten Dinge Unersetzlich

Manchmal geht alles daneben: Von allen Dingen, die Anke Weber im Stich lassen konnten, waren es ihre alten Winterstiefel, auf die sie am wenigsten verzichten kann.

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Wenn ein Blick ins Schaufenster auf solides Schuhmacher-Handwerk hinweist.

Quelle: Anke Weber

Von Anke Weber

Eine Pechsträhne hat mich ereilt. Oder das Gesetz der Serie. Jedenfalls gehen Dinge kaputt. In kurzer Reihenfolge. Erst die Geschirrspülmaschine. Dann die Autobatterie. Ausgerechnet auf dem Supermarktparkplatz. Es war nicht leicht, den Parkplatz neben mir zu verteidigen, bis mich der Automann meines Vertrauens mit einem Überbrückungskabel rettete. Kurz nachdem ich eine neue Batterie hatte, streikte das Autoradio. Zuerst schob ich es auf den Batteriewechsel. Aber das Display leuchtete noch. Mysteriös. Ich drückte alle Knöpfe und kam sogar ins Menü, aber in Sachen Radio tat sich nichts. Eine Woche schlimmster Musikentzug im Auto. Ich bin fast wahnsinnig geworden. Bis mein Mann sich auf den Fahrersitz setzte, um das Phänomen zu überprüfen. Er drückte den Power-Knopf. Ich schäme mich immer noch.

"Meine allerliebsten Winterstiefel waren kaputt"

Alles passierte natürlich, als es draußen kalt war. Und noch immer waren meine allerliebsten Winterstiefel kaputt. Filzstiefel. Wie mein Opa sie früher trug. Schon vor etwa einem Jahr war aus der Sohle an der Fußspitze ein Entenschnabel geworden. Außerdem hatte sich ein Lederriemen gelöst. Im Laden warf man einen abschätzigen Blick auf meine derben alten Stiefel. Die Reparatur dauerte über sechs Wochen, den Riemen hatte man vergessen und die Sohlen lediglich geklebt. Sie mutierten nach kurzem Gebrauch wieder zu einem Entenschnabel. Den Rest des Winters trug ich andere Schuhe. Aber jetzt ist wieder Winter und ich vermisste meine Filzstiefel. In einem kleinen Laden auf dem Land fand ich eine Schuhmacherin. Man spricht mit ihr durch ein Verkaufsfenster in einer Holztür. Wie in der alten Poststelle meiner Kindheit. Die Dame hat früher tatsächlich Schuhe per Hand gefertigt und erklärte mir genau, wie sie meine Filzstiefel wieder fit machen würde. Zusätzlich zum Kleber wollte sie auch Nägel verwenden. Und sie vermittelte mir den Eindruck, als würde sie meine Filzstiefel ebenso wertschätzen wie ich.

"Gute alte Läden auf dem Land"

Eine Woche später bekam ich die Stiefel zurück. Mit angenähtem Riemen und vorne stabil. Noch am selben Nachmittag stapfte ich damit durch die Feldmark. Also man kann sich ja neue Autobatterien oder Geschirrspüler kaufen und wirklich besser dran sein als vorher. Aber meine Filzstiefel sind unersetzbar. Keine neuen Stiefel könnten mich glücklicher machen. Und deshalb bin ich froh, dass es auf dem Land noch diese guten alten Läden gibt, in denen verlässlich, solide und mit Liebe ein altes Handwerk ausgeübt wird. Und Schuhmacherinnen, die mir ansehen, wie wertvoll meine Filzstiefel sind. Genau wie die Näherin, die meine älteste Jeanshose mittlerweile wohl fünfmal ausgebessert hat und genau weiß, dass diese Jeans unersetzlich ist.

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Neue SN-Kolumne: Mein Landleben
  • Landleben ist trendy . Neuerdings hat sogar der Stadtmensch seine Liebe zum Land entdeckt und blättert sich sehnsüchtig durch die Hochglanz-Magazine. Anmutig schimmern da die Tautropfen auf prallen Beeren und die hochwertige Rosenschere mit Holzgriff liegt im aufgeräumten Schuppen.
  • Etwas anders stellt sich das Landleben in den Augen unserer Autorin Anke Webe r dar. Die SN-Journalistin hat schon immer auf dem Land gelebt und sieht in jeder üppig blühenden Blume auch den Dreck unter den Fingernägeln. Ihre Eindrücke vom Leben zwischen Steinhuder Meer, Deister und Wesergebirge schildert sie ab sofort jeden Sonnabend in der neuen SN-Kolumne „Mein Landleben“.