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Unter Wildschweinen

Mein Landleben Unter Wildschweinen

Letztes Wochenende habe ich unter Wildschweinen verbracht. Einmal im Jahr brauche ich eine gemeinsame Suhle mit Artgenossen. Und dafür ist das Hurricane-Festival in Scheeßel wunderbar geeignet. Dieses Jahr zierte ein grünes Wildschwein mit roten Augen die Plakate. Natürlich habe ich mich gefragt, was so ein Keiler mit einem Festival zu tun hat. Aber bei genauer Beobachtung passt alles.

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Dem Festival-Design entsprechend waren dieses Jahr auf dem Hurricane viele Wildschweine unterwegs.

Von Anke Weber

Der Festivalbesucher ist – ebenso wie das Wildschwein – ein Allesfresser. Fürsorglich hat das Hurricane dieses Jahr mit einem neuen Food-Konzept dafür gesorgt, dass auch Vegetarier und verwöhnte Gaumen genug Futter finden konnten. Aber in letzter Konsequenz, irgendwann gegen Morgen auf dem Zeltplatz, tauchten dann doch wieder die Ravioli aus der Dose auf. In Sachen Futtersuche ist der Festivalbesucher dem Wildschwein ganz nah. Das Schwarzwild durchwühlt den Boden nach Essbarem – der Festivalmensch das Zelt. Im Zweifel, oft allerdings erst nach Verlust der Wahrnehmung, werden sogar die Reste der Campingnachbarn verzehrt, die noch vom Vortag kalt auf dem Grill liegen und schon dem ein oder anderen Regenschauer getrotzt haben. Bei elementaren Planungsfehlern gab es allerdings Hilfe vom Hurricane: Wer noch zwei Paletten Bier, aber kein Brot mehr hatte, konnte einfach an der Tausch-dich-satt-Börse sein Glück versuchen.
Wie das Wildschwein, so kann auch der Festivalbesucher pro Stunde locker drei bis sechs Kilometer zurücklegen. Stundenlang ist er zwischen Bühnen, Bierständen und Futtertrögen unterwegs. Manchmal arbeitet er die Kilometerleistung auch tanzend vor den Musikbühnen ab. Dabei ist er überwiegend nachtaktiv. Abgesehen davon, dass beide Spezies gerne ein Schlachtfeld hinterlassen und häufig landwirtschaftlichen Schaden anrichten, sind Wildschweine und Festivalmenschen jedoch gleichermaßen liebenswert. Beobachtet man sie während ihrer Ruhephasen, bemerkt man ihre geradezu anrührende Verhaltensweise des Kontaktliegens. Wildschweine wie Festivalbesucher haben nämlich ausgeprägte Sozialstrukturen und bevorzugen ein Leben in der Rotte. Das Suhlen in Schlamm-Lachen hat dabei eine große Bedeutung. Suhlen macht nämlich beide Spezies glücklich. Dem Wildschwein dient die Matschkruste dabei jedoch hauptsächlich als Sonnenschutz und Ungeziefer-Eliminierung – dem Festivalbesucher dagegen als Statussymbol. Frei nach dem Motto: Mehr Matsch, mehr Spaß. Ich war dieses Jahr übrigens sehr dreckig.
 

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Neue SN-Kolumne: Mein Landleben
  • Landleben ist trendy . Neuerdings hat sogar der Stadtmensch seine Liebe zum Land entdeckt und blättert sich sehnsüchtig durch die Hochglanz-Magazine. Anmutig schimmern da die Tautropfen auf prallen Beeren und die hochwertige Rosenschere mit Holzgriff liegt im aufgeräumten Schuppen.
  • Etwas anders stellt sich das Landleben in den Augen unserer Autorin Anke Webe r dar. Die SN-Journalistin hat schon immer auf dem Land gelebt und sieht in jeder üppig blühenden Blume auch den Dreck unter den Fingernägeln. Ihre Eindrücke vom Leben zwischen Steinhuder Meer, Deister und Wesergebirge schildert sie ab sofort jeden Sonnabend in der neuen SN-Kolumne „Mein Landleben“.