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Verabredung mit der Muße

Mein Landleben Verabredung mit der Muße

Alle sehnen sich nach Muße. Seitdem sich um mich herum die Klagen über Stress und Zeitmangel häuften, fragte ich mich, was diese Muße eigentlich für ein scheues Tier ist, dass sie so selten zum Vorschein kommt. Es scheint komplizierter, einen Zustand der Muße herbeizuführen, als auf dem Mond zu landen. Ich beschloss ein Experiment: Meine Verabredung mit der Muße.

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Entstehen Regenbögen, wenn die Natur viel Muße hat?

Quelle: Anke Weber

Muße ist die freie Zeit und innere Ruhe, um etwas zu tun, was den eigenen Interessen entspricht – so steht es im Duden. Drei Dinge mussten demnach zusammenkommen. Freie Zeit hatte ich mir geschaffen. Erster Teil erfüllt. Mein Interesse, den Rasen zu mähen, war groß, weil ich frisch gemähten Rasen schön finde. Die zweite Voraussetzung schien auch erfüllt. Allerdings hatte ich diese innere Unruhe, endlich damit fertig zu werden, um mich anschließend den wahrhaft schönen Dingen zu widmen. Zwischenergebnis: Es gibt Dinge, an denen man zwar Interesse hat, die aber nicht unter Muße zu verbuchen sind. Der gemähte Rasen war nur ein Schritt, der Muße näher zu kommen. Nun war nämlich die Voraussetzung geschaffen, mich in Ruhe hinzusetzen und zu genießen. Oder sollte ich lieber den Schuppen aufräumen? Von Muße keine Spur. Ich gab dem Experiment zu einem späteren Zeitpunkt eine neue Chance und verbot mir jede Art der Ablenkung. Ich war mir sicher: Bevor bei mir die Muße eintritt, muss Langeweile aufkommen. Oder handelt es sich bei beidem um den selben Zustand?
Drei Tage lang verbrachte ich zu Hause. Fernsehen, Telefonate, Verabredungen und Einkaufen – all diese Muße-Verhinderer untersagte ich mir. Im Schnelldurchlauf brachte ich Haus und Garten in Ordnung. Ich war soweit. Der Tisch für die Muße war gedeckt. Ich nahm mir ein Buch und las. Dann wurde ich müde und schlief. Als ich erwachte, war mir langweilig. Und dann war sie plötzlich da, die Lust, aus Kleidungsstücken mit der verstaubten Nähmaschine Neues zu kreieren. Anschließend war ich ziemlich stolz auf meine kleine Produktion. Anschließend bekam ich Lust, Fahrrad zu fahren und radelte los. Unterwegs pflückte ich Blumen und kaufte im Hofladen Gemüse. Zu Hause überkam mich eine mir sonst völlig fremde Kochkreativität. Und während ich später meine kleine Mahlzeit aß, begann es draußen zu regnen. Ganz kurz. Dann kam ein Regenbogen zum Vorschein. Die Krönung meines Müßiggangs. Er zierte so lange den Himmel, dass ich Zeit hatte, Stifte zu holen und ihn zu zeichnen. Hatte mich jetzt endlich die Muße geküsst? Oder war das die Muse?
Anke Weber

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Neue SN-Kolumne: Mein Landleben
  • Landleben ist trendy . Neuerdings hat sogar der Stadtmensch seine Liebe zum Land entdeckt und blättert sich sehnsüchtig durch die Hochglanz-Magazine. Anmutig schimmern da die Tautropfen auf prallen Beeren und die hochwertige Rosenschere mit Holzgriff liegt im aufgeräumten Schuppen.
  • Etwas anders stellt sich das Landleben in den Augen unserer Autorin Anke Webe r dar. Die SN-Journalistin hat schon immer auf dem Land gelebt und sieht in jeder üppig blühenden Blume auch den Dreck unter den Fingernägeln. Ihre Eindrücke vom Leben zwischen Steinhuder Meer, Deister und Wesergebirge schildert sie ab sofort jeden Sonnabend in der neuen SN-Kolumne „Mein Landleben“.