Volltextsuche über das Angebot:

4 ° / -3 ° wolkig

Navigation:
Vergipster Sommer

Landleben Vergipster Sommer

Über die Angst vor dem Wasser.

Voriger Artikel
Fahrrad-Liebe
Nächster Artikel
Die Welt in Rückenlage

Wie beschützt man einen verletzten Hund vor Wasser, Dreck und wilden Begegnungen mit Artgenossen?

Quelle: Anke Weber

Leute mit Kindern wissen Bescheid, wenn ich von Gips-Müttern spreche. Das sind die Mütter von kleinen Kindern mit Gips. Ein solches Kind zu haben ist anstrengend. Besonders im Sommer. Der größte Sommerspaß – das Baden im Pool oder im Teich – ist wochenlang verboten. Spielen mit dem Gartenschlauch ist ebenfalls nicht angesagt. Der Sandkasten wird zur Herausforderung und der ganze Tag ist von einer einzigen Aufgabe geprägt – den Gips des Kindes vor Wasser und Dreck zu beschützen. Gips-Mütter rennen mit Plastiktüten hinter ihren Kindern her und sind ausschließlich damit beschäftigt, die durch fehlende Bewegung gelangweilten Sprösslinge bei Laune zu halten. Meine Tochter hätte früher gerne mal so einen spektakulären Gips gehabt. Aber ich blieb verschont und war sehr froh darüber. Eine Gips-Mutter zu sein ist nämlich kein Vergnügen. Inzwischen ist meine Tochter erwachsen und ich wähnte mich diesbezüglich in Sicherheit. Bis sich neulich mein Hund an der Kralle verletzte.

Der Verband dürfe nicht nass werden, gab mir die Tierärztin mit auf den Weg. Ich kaufte Gefrierbeutel. Drei Liter Volumen. Mein Hund hat große Pfoten. Es regnete an diesem Tag. Als ich zu Hause die Tüte über den Verband ziehen wollte, schnappte sich mein Hund das Knisterding und rannte weg. Tolle Beute. Lustiges Spiel. Ich mutierte zur Gips-Mutter. Beim Spaziergang rutschte die Tüte oder bekam Löcher unter der Pfote. Ich wechselte die Tüte, fixierte sie immer wieder, überprüfte permanent ihren Sitz und rannte pausenlos hinter dem Rüden her. Zu Hause beschäftigte ich das unausgelastete Tier mit Schnüffel-Spielen. Wenige Tage später kam der Verband ab. Ich atmete erleichtert auf und glaubte, dem Schicksal der Gips-Beschützer-Mütter frühzeitig entronnen zu sein.

Fehlanzeige. Die Tierärztin sagte, mein Hund dürfe nicht an seiner Pfote lecken und solle von nun an eine Socke tragen. Seitdem renne ich mit Socken hinter ihm her. Sie werden im feuchten Gras nass und rutschen, weil das Klebeband auf seinem Fell nicht hält. Aber ohne Klebe-Fixierung rutscht die Socke. Ein Gummiband habe ich abgewählt – es schneidet zu sehr ein. Mein Hund findet das Sockenspiel lustig – die Dinger lassen sich bestens apportieren. Ich selbst bin dauerhaft damit beschäftigt, hinter ihm herzurennen und seine Socke zu richten. Meist denke ich dabei an die Gips-Mütter. Und obwohl ich es niemals in meinem Leben öffentlich aussprechen wollte, denke ich: Hunde und kleine Kinder sind sich doch irgendwie ähnlich.

Anke Weber

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Möchten Sie uns zu diesem Artikel Ihre Meinung sagen? Dann schicken Sie uns einen Leserbrief.

Leserbrief schreiben
Neue SN-Kolumne: Mein Landleben
  • Landleben ist trendy . Neuerdings hat sogar der Stadtmensch seine Liebe zum Land entdeckt und blättert sich sehnsüchtig durch die Hochglanz-Magazine. Anmutig schimmern da die Tautropfen auf prallen Beeren und die hochwertige Rosenschere mit Holzgriff liegt im aufgeräumten Schuppen.
  • Etwas anders stellt sich das Landleben in den Augen unserer Autorin Anke Webe r dar. Die SN-Journalistin hat schon immer auf dem Land gelebt und sieht in jeder üppig blühenden Blume auch den Dreck unter den Fingernägeln. Ihre Eindrücke vom Leben zwischen Steinhuder Meer, Deister und Wesergebirge schildert sie ab sofort jeden Sonnabend in der neuen SN-Kolumne „Mein Landleben“.