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Verräterische Gerüche

Mein Landleben Verräterische Gerüche

Es wird Herbst. Im Laden gibt es jetzt Weihnachtskekse, und wenn ich mit dem Hund ins Feld gehe, brauche ich wieder eine Jacke. Am Schreibtisch trage ich die dicken Socken. Der Hund liegt wieder am Ofen und nicht mehr vor der Terrassentür. Im Wald riecht es nach Herbstlaub und Pilzen. Wind und Regen haben die Äpfel von den Bäumen geschüttelt, die jetzt von Autos zerfahren als Obstmatsch am Straßenrand liegen.

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Hundepfoten erzählen Geschichten: Abends riechen sie nach Heu, Wald oder Pferdestall.

Quelle: Anke Weber

Das alles sind Zeichen für den kommenden Herbst. Ganz besonders merke ich es aber am Hundepfotengeruch. Er verrät alles. Am besten entfaltet er sich, wenn der Hund abends zusammengerollt neben dem Bett liegt und die Pfötchen mit der darauf liegenden Schnauze warmatmet. Wenn ich dann meine Nase in das Fell zwischen den Ballen tauche, weiß ich, was draußen los ist. Ob der Herbst anbricht und sogar, welche Abenteuer mein Hund erlebt hat. Im Sommer riechen die Pfoten nach Heu, und wenn ich nicht selbst den Rasen gemäht habe, weiß ich exakt, in welchem Garten mein Hund unterwegs war. Jetzt riechen seine Pfoten nach feuchtem Waldboden und Herbst. Manchmal ist allerdings ein neuer Geruch dabei. Dann bin ich irritiert. Was macht der Hund, wenn ich nicht zu Hause bin? Mehrfach hat er im Liebeswahn schon den Maschendrahtzaun zerbissen. Trotz seiner Größe ist er nicht wie ein Kerl darüber hinweggesprungen. Nein, er hat winselnd gebissen und gekniffen. Ausdauernd, besessen und erfolgreich. Nicht nur einmal bekam ich einen Anruf, während ich kilometerweit entfernt unterwegs war. Man könnte glauben, der Hund hätte sich vielleicht die Zeit im Wald vertrieben und nach Hasen und Rehen gestöbert. Doch sein Interesse galt bisher ausschließlich der alten Hündin des Nachbarn.
Das alles ist jedoch Vergangenheit. Längst ist das ungestüme Testosteron-Paket auf Pfoten ruhiger geworden, und die alte Hündin ist jetzt im Hundehimmel. Dennoch haben die Hundepfoten neulich abends eine ganz andere Geschichte erzählt. Ihr Geruch hat sich eindeutig von dem gewohnten Gartenaroma unterschieden. Ich war sicher, dass mein Hund den Tag nicht zu Hause verbracht hatte. Am nächsten Morgen studierte ich die üblichen Stellen am Zaun. Alles unberührt. Am Abend schnupperte ich die Pfoten wie ein Detektiv ab. Wieder war da der fremde Duft. Irgendwie nach Stall und Wiese. Eine Nuance Pflaumenmatsch mit Pferdeapfel vielleicht.
Am darauf folgenden Tag hatte ich außerhalb Termine, und während ich noch über das Duftphänomen der Hundepfoten rätselte, bekam ich einen Anruf. Es war der Mann vom Pferdehof. Mein Hund sei bei ihm im Stall. Und zuvor hätte er eine ganze Weile mit seiner jungen Hündin auf der Wiese unter den Zwetschgenbäumen gespielt. Ich wusste doch, dass mein Hund Geheimnisse vor mir hat!

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Neue SN-Kolumne: Mein Landleben
  • Landleben ist trendy . Neuerdings hat sogar der Stadtmensch seine Liebe zum Land entdeckt und blättert sich sehnsüchtig durch die Hochglanz-Magazine. Anmutig schimmern da die Tautropfen auf prallen Beeren und die hochwertige Rosenschere mit Holzgriff liegt im aufgeräumten Schuppen.
  • Etwas anders stellt sich das Landleben in den Augen unserer Autorin Anke Webe r dar. Die SN-Journalistin hat schon immer auf dem Land gelebt und sieht in jeder üppig blühenden Blume auch den Dreck unter den Fingernägeln. Ihre Eindrücke vom Leben zwischen Steinhuder Meer, Deister und Wesergebirge schildert sie ab sofort jeden Sonnabend in der neuen SN-Kolumne „Mein Landleben“.