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Von Tieren lernen

Mein Landleben Von Tieren lernen

Ich habe ein neues Futterhaus für meine Gartenvögel bekommen. Es sieht aus wie der Helm eines Astronautenanzuges. Oder wie eine riesige Weihnachtskugel, die mitten im Buschwerk vor meinem Büro gelandet ist. Die Schar kleiner Meisen war bisher ein klassisches Futterhaus gewohnt.

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Aus Holz und mit einem kleinen Dach darüber. Allerdings war es schon ein bisschen marode und das Futter wurde bei starkem Regen nass. Schweren Herzens trennte ich mich von dem alten Häuschen und vor einigen Tagen brachte meine Schwester Ersatz. Diese wundersame Kugel, die nur von unten zugänglich ist. Sie ist aus durchsichtigem Plastik mit zwei seitlichen Hohlräumen, durch die das Futter rutscht. Die Vögel können von unten in das Futterparadies schlüpfen und die Körner aus einem kleinen Trog picken.
Nachdem ich die spacige Kugel in der Forsythie deponiert hatte, herrschte vor meinem Bürofenster Aufregung. Ein Szenario, wie ich mir ungefähr eine Ufo-Landung in Stadthagen vorstelle. Die Meisen näherten sich dem Ding vorsichtig von außen, pickten an das Plastik und verstanden offenbar nicht, warum die Körner unerreichbar blieben. Von allen Seiten wurde das Objekt erforscht. Ohne Erfolg. Die meisten Vögel widmeten sich nun wieder den gewohnten Futterknödeln, die ich regelmäßig in den Busch hänge. Nur eine Meise ließ nicht locker. Sie pickte immer wieder an die riesige Kugel. Mal von hier, mal von dort. Mal von oben.
Und irgendwann versuchte sie es auch von unten. Vorsichtig nahm sie ein einziges Körnchen und flog damit rasch an einen sicheren Ort außerhalb des merkwürdigen Objekts. Aber sie kam wieder und wieder. Irgendwann blieb sie entspannt in der Kugel sitzen und pickte genüsslich die Körner. Windgeschützt und ohne das Konkurrenz-Gebalge an den Meisenknödeln. Im Inneren der Kugel konnte sie sich ganz unbehelligt satt essen. Manchmal lohnt es sich eben, die Komfort-Zone zu verlassen.
Ich hatte mir das Spektakel eine ganze Weile angesehen und war fasziniert, wie schnell die kleine Meise gelernt hatte. Es war eine lehrreiche Beobachtung. Denn die Meise hatte mich an etwas erinnert. Daran, dass die meisten Ziele durchaus erreichbar sind. Wenn man Geduld aufbringt. Und Mut. Wenn man sich vom Unbekannten nicht ängstigen lässt. Übrigens: Es hat dann nicht mehr lange gedauert, bis die anderen das fremde Objekt in ihrer Welt auch richtig super fanden.

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Neue SN-Kolumne: Mein Landleben
  • Landleben ist trendy . Neuerdings hat sogar der Stadtmensch seine Liebe zum Land entdeckt und blättert sich sehnsüchtig durch die Hochglanz-Magazine. Anmutig schimmern da die Tautropfen auf prallen Beeren und die hochwertige Rosenschere mit Holzgriff liegt im aufgeräumten Schuppen.
  • Etwas anders stellt sich das Landleben in den Augen unserer Autorin Anke Webe r dar. Die SN-Journalistin hat schon immer auf dem Land gelebt und sieht in jeder üppig blühenden Blume auch den Dreck unter den Fingernägeln. Ihre Eindrücke vom Leben zwischen Steinhuder Meer, Deister und Wesergebirge schildert sie ab sofort jeden Sonnabend in der neuen SN-Kolumne „Mein Landleben“.