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Vorsicht mit Schmetterlingsstaub

Mein Landleben Vorsicht mit Schmetterlingsstaub

Es gibt Gäste, die das Haus am Ende eines Besuchs zügig verlassen. Sie verabschieden sich und fahren davon. Und es gibt Gäste, die für den Abschied an der Tür ebenso lange brauchen, wie für den gesamten Besuch.

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Für Schmetterlinge und Freundinnen gilt: Der Abschied nach einem Besuch erfordert Zeit.

Quelle: Anke Weber

Von Anke Weber

Mein Nachbar gehört zur ersten Sorte. Wenn er seinen Kaffee getrunken hat, steht er auf und geht. Ohne sich noch einmal umzudrehen. In diesem Verhalten gleicht er der Hornisse, die mich regelmäßig durch das offene Fenster in meinem Büro besucht. Sie steuert das kleine Holzstück auf dem Regal an, beißt ein bisschen daran herum und fliegt zielstrebig wieder zum Fenster hinaus. Kurz: Sie macht keinerlei Ärger.

Ganz anders ist es mit den Schmetterlingen, die sich in mein Büro verirren. In meinem Garten gibt es gerade viele Schmetterlinge. Das Fallobst lockt. So kommt es, dass manchmal ein Falter auf meinem Schreibtisch landet und die erfreuliche Farbenvielfalt seiner Flügel vor mir ausbreitet. Allerdings scheint es Schmetterlingen an Orientierungssinn zu mangeln.

Das unterscheidet sie von den Hornissen, die das Büro immer zügig verlassen. Schmetterlinge zögern. Flattern umher. Wirken verstört. Und finden das weit geöffnete Fenster nicht wieder. Das eint sie mit meiner Freundin, die am Ende eines Besuchs immer etwas verhuscht durch mein Haus irrt, um ihren Schlüssel zu suchen.

In meiner Kindheit habe ich gelernt, dass man Schmetterlinge auf keinen Fall anfassen darf. Sonst geht die Farbe ab. Die Flügel gehen kaputt. Oder es geschieht noch weitaus Schlimmeres. Das ist bei meiner Freundin anders – sie ist da nicht zimperlich, wird auf Schlüsselsuche allerdings schnell nervös.

Was die Falter betrifft, weiß ich neuerdings, dass der poetisch klingende Schmetterlingsstaub aus Schuppen besteht, die mit Luft gefüllt sind. Eine Ansammlung von Luftpölsterchen auf des Schmetterlings Schwingen, die für dessen Auftrieb sorgt. Weniger Luftpölsterchen bedeuten weniger Auftrieb und das ist für den Schmetterling erschöpfend. Deshalb sorge ich dafür, dass Schmetterlinge in meinem Lebensraum nicht berührt und Freundinnen nicht nervös gemacht werden.

Inzwischen habe ich für beide eine Strategie: Ich versperre mit meinem Körper den Zugang zu anderen Räumlichkeiten, die der Sache nicht dienlich sind. So lange, bis der Besuch das Haus verlassen hat. Ein Vorgehen, das bei kleinen Schmetterlingen länger dauert als bei meiner Freundin. Und das, obwohl Schmetterlinge gar keine Schlüssel suchen müssen. Bisher habe ich beide immer erfolgreich auf den Weg geschickt. Aber irgendwie ist es danach jedes Mal weniger bunt in meinem Haus.

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Neue SN-Kolumne: Mein Landleben
  • Landleben ist trendy . Neuerdings hat sogar der Stadtmensch seine Liebe zum Land entdeckt und blättert sich sehnsüchtig durch die Hochglanz-Magazine. Anmutig schimmern da die Tautropfen auf prallen Beeren und die hochwertige Rosenschere mit Holzgriff liegt im aufgeräumten Schuppen.
  • Etwas anders stellt sich das Landleben in den Augen unserer Autorin Anke Webe r dar. Die SN-Journalistin hat schon immer auf dem Land gelebt und sieht in jeder üppig blühenden Blume auch den Dreck unter den Fingernägeln. Ihre Eindrücke vom Leben zwischen Steinhuder Meer, Deister und Wesergebirge schildert sie ab sofort jeden Sonnabend in der neuen SN-Kolumne „Mein Landleben“.