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Wäscheleinen-Intimität

Mein Landleben Wäscheleinen-Intimität

Der Sommer bringt Dinge zum Vorschein, die im Herbst, Winter und Frühjahr dem Auge verborgen bleiben. Besonders Körperteile, die in manchen Fällen im Verborgenen auch gut aufgehoben sind. Bäuche, Oberarme oder Fußnägel zum Beispiel. Details, die man von seinen weitläufig Bekannten gar nicht kennen möchte. Als geübte Ästhetin schweife ich inzwischen darüber hinweg und beruhige mein irritiertes Auge in der Landschaft. Dort ist ausreichend Schönheit vorhanden.

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Wäsche auf der Leine gewährt manchmal irritierende Einblicke in das Leben der Mitmenschen. Weber

Landkreis. Manchmal kann aber auch ein Blick über die Gartenzäune im Dorf schön sein. Ein alter Herr, den ich ein bisschen kenne, hat zum Beispiel einen Bauerngarten wie aus dem Bilderbuch. Buchsbaum-Hecken umsäumen prächtige Blumenbeete. Hinten im Garten erstrecken sich exakt gezogenen Erbsen-Reihen. Und natürlich leuchten dunkelrote Kirschen in der Sonne. Es ist irgendwie rührend, dass seitlich des Hauses drei Unterhosen – wahrscheinlich Feinripp – auf der Leine in der Sonne trocknen.

Aber will ich auch wirklich wissen, dass sich die Landwirtsfrau, die ein paar Straßen weiter wohnt, rote Reizwäsche über ihre speckigen Beine zieht? So etwas frage ich mich von Zeit zu Zeit bei einem Gang durchs Dorf, wenn sich die Wäschestücke leicht in der Sommerbrise bewegen und mir quasi zuwinken. Als wollten sie mich extra auf sich aufmerksam machen. Strahlend weiße Laken bei Familie B. – passend zu den exakt geschnittenen Rasenkanten.

Der Junggeselle gegenüber, der einem auf den Feiern mit seinem Alkohol-Atem immer so unangenehm nahe kommt, schläft in der Bettwäsche seines Fußball-Vereines. Außerdem hat er einen zitronengelben Schlafanzug. Ich bekomme Mitleid. Vielleicht kann dem geholfen werden? Mit einer einfachen Stil-Beratung. Die Frau, die immer lästert, trägt hautfarbene Miederhosen. Ich horche in mich hinein und stoße definitiv nicht auf Mitleid. Also schnell zu der niedlichen Oma nebenan in den Garten schauen. Geblümte Kittelschürzen. Das ist wieder rührend. Und bei ihren Mietern Kinderkleidung auf dem Balkon. Drei Kinder – und alle Söckchen einzeln mit der Wäscheklammer befestigt. Ich schäme mich angesichts meiner Faulheit. Künftig, so beschließe ich, trockne ich auch umweltfreundlich in der Sonne.

Gerade als ich den Wäsche-Voyeurismus beenden will, erhasche ich noch einen Blick auf die Leine des Bürgermeisters. Augenblicklich verwerfe ich die Idee, meine eigene Wäsche ebenfalls draußen zu trocknen. Immerhin erspart mein Wäschetrockner der Umwelt den Anblick meiner Unterwäsche. Das ist dann ja auch irgendwie Umweltschutz.

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Neue SN-Kolumne: Mein Landleben
  • Landleben ist trendy . Neuerdings hat sogar der Stadtmensch seine Liebe zum Land entdeckt und blättert sich sehnsüchtig durch die Hochglanz-Magazine. Anmutig schimmern da die Tautropfen auf prallen Beeren und die hochwertige Rosenschere mit Holzgriff liegt im aufgeräumten Schuppen.
  • Etwas anders stellt sich das Landleben in den Augen unserer Autorin Anke Webe r dar. Die SN-Journalistin hat schon immer auf dem Land gelebt und sieht in jeder üppig blühenden Blume auch den Dreck unter den Fingernägeln. Ihre Eindrücke vom Leben zwischen Steinhuder Meer, Deister und Wesergebirge schildert sie ab sofort jeden Sonnabend in der neuen SN-Kolumne „Mein Landleben“.