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Wichtiggriller

Mein Landleben Wichtiggriller

Wann ist dem Grillen eigentlich der rustikale Charme abhanden gekommen? Mehrfach war ich diesen Sommer zum Grillen eingeladen und dabei unendlichen Fachsimpeleien über die Beschaffenheit von Grill, Fleisch und Marinade ausgeliefert. War Grillen früher nicht unkomplizierter? Grillen, das war, wenn man nicht kochen wollte.

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Einmal mit der Drahtbürste rüber und jeder Retro-Grill ist einsatzbereit.

Quelle: Anke Weber

Jeder plünderte die Gefriertruhe, einer besorgte an der Tanke Grillkohle und dann wurden Fleisch-Flatschen – und für Leute wie mich Kartoffeln – auf den schon drei Mal benutzten Rost geknallt. Mit dem Föhn wurde die Kohle zum Glimmen gebracht, die Grillware komplett mit Asche eingestaubt und zwischendurch mit Bier abgelöscht. Grillen, das hatte etwas Archaisches. Feuer und Fleisch. Das war es, was Männer begeistern konnte.
Heute ist Grillen kompliziert. Es gibt Elektro-, Holzkohle-, Gas-, Picknick-, Tischgrills und Smoker. Außerdem scheint es von großer Bedeutung, von welchem Hersteller der Grill stammt. Wer eines dieser Geräte bedienen möchte, muss erstmal die Anleitung studieren. Beim Grillen sprechen die Männer dann über die fachgerechte Handhabung des Hightech-Wunders. Männer? Also ich meine diese Spezies, die früher ein bisschen Brennspiritus auf die Kohle gekippt hat. Was ist aus denen geworden? Wo ist das Feuer? Das wird nur noch mit Anzündhilfen entfacht. Da kommt auch keine Stichflamme mehr. Es glimmt und zischelt nur noch. Muss ich das Ende der Männlichkeit beweinen? Nachdem einer meiner Freunde regelmäßig über seine Grillbürste mit Bambusholzgriff spricht, frage ich mich das.
Seit die Grill-Wettbewerbe im Freundeskreis zunehmen, sehne ich mich nach der Einfachheit zurück. Nach diesem spontanen Zuruf: Heute grillen? Ich habe das mal ausprobiert. Immerhin stand in einer Ecke meines Schuppens ja noch der ausrangierte runde Grill meines Vaters. Einmal mit der Drahtbürste rüber und das Ding war einsatzbereit. Auch das mit dem Zuruf hatte funktioniert. Jeder brachte etwas mit. Und dann guckten alle betreten auf meinen Grill. Das wackelige Teil mit dem roten Schutzblech von damals. Das Grillgut wurde aber auch auf dem Retro-Grill gar. Mein Mann hat ein paar Mal mit der Pappe gefächelt. Ganz ohne Bedienungsanleitung. Brannte. Schmurgelte. Tropfte. Einmal mit Bier abgelöscht. Fertig. Da blieb viel Zeit, einmal über andere Dinge zu reden und nicht nur über Grillthermometer-Apps. Das war schön. Ich habe den alten Grill aus meinem Schuppen jetzt richtig lieb gewonnen. Aber bei mir ist ja sowieso jeder Grill ein astreiner Weber-Grill.
Anke Weber

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Neue SN-Kolumne: Mein Landleben
  • Landleben ist trendy . Neuerdings hat sogar der Stadtmensch seine Liebe zum Land entdeckt und blättert sich sehnsüchtig durch die Hochglanz-Magazine. Anmutig schimmern da die Tautropfen auf prallen Beeren und die hochwertige Rosenschere mit Holzgriff liegt im aufgeräumten Schuppen.
  • Etwas anders stellt sich das Landleben in den Augen unserer Autorin Anke Webe r dar. Die SN-Journalistin hat schon immer auf dem Land gelebt und sieht in jeder üppig blühenden Blume auch den Dreck unter den Fingernägeln. Ihre Eindrücke vom Leben zwischen Steinhuder Meer, Deister und Wesergebirge schildert sie ab sofort jeden Sonnabend in der neuen SN-Kolumne „Mein Landleben“.