Volltextsuche über das Angebot:

20 ° / 12 ° Regenschauer

Navigation:
Zeitreise

Mein Landleben Zeitreise

Vor einiger Zeit habe ich ein Konzert in einem alten Landgasthof besucht. Bis heute kommt es mir vor, als hätte ich an jenem Tag eine Zeitmaschine betreten. Die Band hatte zwar hochmoderne Technik aufbauen lassen, Ton und Licht waren auf dem neuesten Stand, aber das Equipment bildete einen zeitlich derart krassen Stilbruch zur Umgebung, dass sich jeder, der das Gebäude betrat, verwundert die Augen rieb.

Voriger Artikel
Eiszeit
Nächster Artikel
Weihnachtsfragen

Still ruht die Theke in einem alten Gasthof.

Quelle: Anke Weber

Von Anke Weber. Während in den letzten Jahren alle anderen Landgasthöfe aus den Orten einfach verschwunden oder modernisiert worden waren, stand hier ein scheinbar unberührtes Objekt aus längst vergangenen Tagen.

In der Pause und nach dem Konzert schwirrten alle aus. An die Theke, in den Raucherraum oder auf die Toilette. Wie Höhlenforscher entdeckten wir immer weitere Räume und Gänge. Im Toilettenraum war es kalt. Man beeilte sich, diesen abgerockten Ort mit seinem frostigen Hall wieder zu verlassen.

Während wir schnell unsere Hände unter den eisig plätschernden Wasserhahn hielten, grinsten wir in die blinden Spiegel und fühlten uns wie einst beim Winterschützenfest. Obwohl wir wussten, dass in dem Landgasthof häufiger Veranstaltungen stattfinden und auch das Fehlen dichter Spinnweben auf regelmäßige Nutzung hinwies, schien es, als läge das Gebäude im Dornröschen-Schlaf.

Jeder, der es betrat, spürte eine Verbindung zur Vergangenheit. Meine eigene Zeitreise beamte mich beim Betreten des Raucherraumes in die Dorf-Gaststube, die mein Vater früher manchmal besuchte. Vielleicht war es der Geruch, vielleicht auch der Anblick der Eichenholz-Theke. Jedenfalls war ich plötzlich wieder Kind.

 Es war Sonntagmorgen und auf wundersame Weise war es mir gelungen, meinen Vater in die Gaststube zu begleiten. Es roch nach Bier. Dichter Zigarettenqualm hing in der Luft, die Aschenbecher auf dem Tresen quollen über und die Männer redeten über Dinge, die ich nicht verstand. Aber ich bekam Organgenbrause und Groschen, damit ich mich still verhielt.

Und die Groschen konnte man in Kaugummi-Automaten stecken. Oder in den Automaten, aus dem süßlich gebrannte Erdnüsse kamen. Mein Lieblingsautomat. So ein Gaststuben-Besuch glich einem Beutezug, denn nicht selten steckten mir die Männer auch mal fünfzig Pfennig oder eine Mark zu.

Irgendwie hatte ich diesen Teil meiner Kindheit, der mir immer wie das Betreten einer geheimen Welt vorkam, völlig vergessen. Aber auf mysteriöse Weise war er nun wieder präsent. Glasklar. Mit Geruch, Geschmack und Geräusch. Manchmal braucht es eben Orte, um sich an längst vergessen Geglaubtes zu erinnern.

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Möchten Sie uns zu diesem Artikel Ihre Meinung sagen? Dann schicken Sie uns einen Leserbrief.

Leserbrief schreiben
Neue SN-Kolumne: Mein Landleben
  • Landleben ist trendy . Neuerdings hat sogar der Stadtmensch seine Liebe zum Land entdeckt und blättert sich sehnsüchtig durch die Hochglanz-Magazine. Anmutig schimmern da die Tautropfen auf prallen Beeren und die hochwertige Rosenschere mit Holzgriff liegt im aufgeräumten Schuppen.
  • Etwas anders stellt sich das Landleben in den Augen unserer Autorin Anke Webe r dar. Die SN-Journalistin hat schon immer auf dem Land gelebt und sieht in jeder üppig blühenden Blume auch den Dreck unter den Fingernägeln. Ihre Eindrücke vom Leben zwischen Steinhuder Meer, Deister und Wesergebirge schildert sie ab sofort jeden Sonnabend in der neuen SN-Kolumne „Mein Landleben“.