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„Am Ende der Welt“

Hohenrode „Am Ende der Welt“

Kein Auto, das nächste Dorf etwa zwei Kilometer entfernt, die nächste Kneipe mit Musik mehr als doppelt so weit und ringsum ansonsten nichts. Jedenfalls nichts, von dem man annehmen würde, dass es einer Achtzehnjährigen, die gerade Abitur gemacht hat, als die große weite Welt vorkommen würde. „Ja, das stimmt“, sagt Louise (19). „Das letzte Jahr habe ich eher am Ende der Welt zugebracht.“ Und? „Es war fantastisch!“

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Quelle: cok

Hohenrode. Die junge Hohenroderin lebte auf Spiekeroog, der kaum 19 Quadratkilometer großen ostfriesischen Insel mit 800 Einwohnern, einem Nationalpark rund um Wattenmeer-Themen und mit Deutschlands einzigem Insel-Internat, der „Hermann-Lietz-Schule Spiekeroog“, an der gerade mal neunzig Schüler unterrichtet werden. Als sie sich für ein Freiwilliges Ökologisches Jahr an der Nordsee bewarb, wusste sie natürlich, dass es das Gegenteil eines Großstadt-Abenteuers sein würde, worauf sie sich einließ. „Ich will Biologie studieren und ich will unbedingt Lehrerin werden“, erzählt sie. „Da kam mir diese Schule mitten in der Natur perfekt vor.“ Was sie so nicht ahnte: Das Internat war eigentlich wie eine „Insel auf der Insel“.

 Gegründet wurde das Internatsgymnasium 1928, ausgerichtet am Konzept des Reformpädagogen Hermann Lietz, der als Begründer solcher „Landerziehungsheime“ gilt. Das sind Schulen, an denen es um eine ganzheitliche Erziehung gehen soll, also nicht nur um bloße Wissensvermittlung, sondern darum, den Kontakt zur Natur zu wahren, auch Handwerkliches zu erlernen und außerdem tatkräftig am wirtschaftlichen Überleben des Instituts beteiligt zu sein. Damals trug die Ernte aus dem großen Schulgarten entscheidend zu den Vorräten in der Internats-Speisekammer bei, und es waren die Lehrer und Schüler, die zuerst einen Deich bauten, um das abgelegene Schulgelände vor Hochfluten zu schützen. Der Anspruch, möglichst unabhängig zu sein, gab dem Internat den Charakter eines eigenen kleinen Dorfes.

 „So ist das eigentlich auch heute noch“, meint Louise. „Ich war schon erstaunt, wie wenig die Schüler mit dem eigentlichen Inselleben zu tun hatten. Die meisten haben noch nicht mal oft gebadet, weil man dazu an einen entfernten, bewachten Strand gehen musste. Und ausgehen – na ja. Es gibt die schon fast berühmte Kneipe Old Laramie am anderen Ende der Insel, aber der Weg ist weit und selbst die über 18-Jährigen müssen immer um Mitternacht wieder im Internat sein.“ Der Zugang zur Welt außerhalb des Internatsgeländes bestand für die meisten Schüler hauptsächlich übers Internet.

 „Aber ich will das gar nicht kritisieren“, betont sie. „Mich hat am allermeisten der enge Zusammenhalt unter den Schülern beeindruckt. Manche kommen aus wohlhabenden Familien, andere werden vom Jugendamt an das Internat vermittelt und viele haben auch eine schwere Geschichte hinter sich. Trotzdem hat man nichts von sozialen Unterschieden gemerkt. Es war eher wie eine verschworene Gemeinschaft.“ Dazu trug sicherlich auch bei, dass sich jeder Schüler, wie früher auch, in einer „Gilde“ engagiert. Das ist eine Arbeitsgruppe, die nicht nur der Entdeckung eigener Begabungen gilt, sondern immer auch den Interessen der Gemeinschaft dienen soll. Da gibt es zum Beispiel die „Deichbau-Gilde“, die Bootsbau, Gartenarbeit und die Pflege der schuleigenen Schafe und Galloway-Rinder übernimmt. Louise gehörte als Leiterin zur „Museumsgilde“, die sich unter anderem um die große Aquariumsanlage im Nationalparkhaus Wittbülten kümmert und Führungen für Touristen erarbeitet.

 Im Sommer gab es die „Sommerinsel-Uni“ für Kinder, an deren Vorbereitung und Durchführung Louise zusammen mit einer Studentin beteiligt war. „Es kommt, meine ich, gar nicht so sehr darauf an, welcher Lernstoff auf das Leben vorbereitet, sondern darauf, wie gut man mit anderen zusammenarbeiten kann und wie man es schafft, sich auf gemeinsame Regeln einzulassen.“

 Bevor sie bald ihr Lehramtsstudium beginnt, will sie erst noch als „Work-and-Travel“-Reisende den Süden Europas erkunden. Portugal, Spanien und überhaupt die großen Städte. „Darauf bin ich schon sehr gespannt“, sagt sie. „Auf Spiekeroog war das Leben wie in einem heimeligen Nest. Niemand dort schließt seine Tür ab, selbst die Haustüren stehen überall offen, weil jeder jedem vertraut. Ob ich so etwas dann wohl vermissen werde?“ cok

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