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Der ewig Kaffee kochende Praktikant?

SNack / Zwischen Verantwortung und Ausbeutung Der ewig Kaffee kochende Praktikant?

Nur ein Gerücht? Im Praktikum muss man ständig nur Kaffee kochen. „Und immer schön heiß, mit zwei Stücken Zucker und ein wenig Milch“, scherzte ein Redakteur bei meinem ersten Praktikum bei einer größeren Tageszeitung.

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Laura Fukalla (14, links) und Charlotte Müller (14) hoffen, dass sie durch das Schulpraktikum nicht in ihrem Berufswunsch enttäuscht werden. 

Quelle: ms

Von Marvin Schildmeier

Stadthagen. „Und nicht vergessen: Danach müssen die Tassen auch wieder abgewaschen werden“, witzelte er weiter und zwinkerte mir zu. Dass ein Praktikum wirklich so ähnlich ablaufen kann, weiß Gülsha Veseli (18) aus eigener Erfahrung: „Während meines ersten Praktikums beim Friseur durfte ich nur Haare wegfegen, Kaffee kochen und Spiegel sauber machen. Es war wirklich langweilig.“ Ihrer Freundin Fatima Kajtazi (16) erging es ähnlich. Als unentgeltliche Arbeitskraft in einem Einzelhandelsunternehmen habe sie den ganzen Tag nur Regale einräumen dürfen. „Und das drei Wochen lang“, erzählt die 16-Jährige.

Praktika können aber auch ganz anders ablaufen, gerade wenn sie sich über einen längeren Zeitraum erstrecken. Reyhan Aytaric (23) arbeitete für ein Jahr in einer Tagespflege in Nienburg. Dort sei sie aktiv in den Arbeitsalltag integriert worden. „Ich durfte schon viel machen, Unterlagen ausfüllen, die Demenzkranken beschäftigen und mich um sie kümmern“, berichtet sie begeistert. Geld habe aber auch sie nicht bekommen. „Es war ein schulisches Praktikum“, betont sie. Trotzdem fühlt sie sich nicht ausgebeutet. Ganz im Gegenteil: Es habe ihr Spaß gemacht und sei eine qualifizierende Bereicherung gewesen.

Genau so sollen Praktika funktionieren. Wenn es gut läuft, können sie sogar zum Sprungbrett für den Berufseinstieg werden. So war es auch bei Jan Schaumburg (26). Er macht gerade ein Volontariat (Ausbildung zum Journalisten) bei den SN. Zuvor hospitierte er vier Wochen in der Redaktion. „Im Journalismus zum Beispiel ist es gängige Praxis, vorher ein Praktikum zu machen. Sonst hat man gar keine Chance“, weiß er. „Ich habe mich zwar auch direkt auf ein Volontariat beworben, bekam zunächst aber nur ein Praktikum angeboten.“

Er hat sich bewährt und wurde genommen. Doch bewähren kann man sich nur, wenn man auch verantwortungsvolle Aufgaben bekommt, an denen man wächst. Wenn das nicht der Fall ist und das Praktikum bringt auch nichts für die eigene Berufsorientierung, dann sind sie „vergeudete Zeit“, findet Mirko Ammon, Betreiber einer Nachhilfeschule in Stadthagen. „Wichtig sind Praktika vor allem dann, wenn man schon ein Ziel vor Augen hat. Sie führen einen von der Theorie zur Praxis“, erklärt er.

Weiß man schon, wohin der berufliche Weg führen soll, sollte man sich also nicht überlegen, ob man Praktika macht, sondern vielmehr, wo.

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