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Ein Bundesamt für magische Wesen?

SNack Ein Bundesamt für magische Wesen?

Es klingt alles ein wenig sonderbar: Das „Bundesamt für magische Wesen (BAfmW)“ kommt nach Rinteln – mit eigenem Dienstwagen. Ein Wappentier hat das „Amt“ auch. Ein lurchähnlicher Drache, der stark an den Bundesadler erinnert.  „Den durften wir aber nicht nehmen, der ist natürlich geschützt“, erzählt Klaus Maresch mit Funkeln in den Augen.

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Mal so richtig drauflos fantasieren dürfen, das gefiel den Schülerinnen beim Workshop.

Quelle: cm

Rinteln. Maresch ist Initiator des „Bundesamts“. Man fragt sich anfangs, ob dieser Mann es tatsächlich ernst meint. Aber schnell wird klar: Er steht voll und ganz hinter seiner Organisation. Diese ist ein Zusammenschluss von Fantasy-Autoren, zusammengebracht von Maresch im Herbst 2013. Wie der Name des „Amtes“ und das Wappentier schon ahnen lassen, dreht sich hier alles um das Fantastische. Und vor allem: um die Phantasie. Denn genau die möchte Maresch mit dem „Amt“ in Jugendlichen wecken, und genau das hat ihn nach Rinteln geführt: Er gibt dort einen Schreibworkshop am Gymnasium Ernestinum. So sorgt er für ordentlich Aufregung, als er in einem überaus offiziell aussehenden Fahrzeug mit der Aufschrift „Bundesamt für magische Wesen“ auf dem Schulhof des Gymnasiums vorfährt.

Unterhaltsame Anekdoten

Es sind 13 Jugendliche, die an seiner Schreibwerkstatt teilnehmen möchten. Eine unterhaltsame Einführung stimmt die Teilnehmer ein, in der Maresch humorvoll aus dem Nähkästchen seines „Amtes“ berichtet. „Ich liebe es, mich auf der Autobahn in einen Polizeikonvoi einzureihen. Diese fragenden Blicke der anderen Autofahrer ‚Mein Gott, was mag das für ein Einsatz gewesen sein, dass da das Amt für magische Wesen mitfährt‘, das macht mich glücklich!“

Es folgen kurze Erläuterungen zum richtigen Aufbau einer Geschichte: „Findet ein Thema, das euch am Herzen liegt. Überlegt, welche magischen Wesen gut zu diesem Thema passen. Macht euch Gedanken zu Charakter und Fähigkeiten und legt einen Ort des Geschehens fest.“ Und dann geht es los. Nicht viel mehr als zwei Stunden bleiben den jungen Autoren, um erste Gedanken, Konzepte und einen Einstieg in die Geschichte zu Papier zu bringen. Doch schon die ersten Ergebnisse, die am Workshop-Ende vorgestellt werden, könnten eine gestandene Hexe vom Besen oder einen Muggel vom Hocker hauen.

Zwei Geschwister werden von einem seltsamen Wesen verfolgt. Was mag es damit auf sich haben? Gibt es da einen Bezug zu der weißen Gestalt, die im Vorwort im tiefsten Winter von ihrem Gegenspieler, einem Hirsch mit feurigen Augen besiegt wird? Und was wird aus dem Vampir, der im Kinderheim lebt. Dort, in einem Einzelzimmer, kann er sein Geheimnis wahren. Doch jetzt ist geplant, ihn in eine Pflegefamilie zu gebe Spannung. Man möchte sofort wissen, wie es wohl weitergeht.

Abenteuerliche Reise zur Militärakademie

Auch düstere Welten werden entworfen. Eine Gesellschaft, in der Frauen unterdrückt und misshandelt werden, und in der ihnen der Zugang zu vielen Institutionen verwehrt ist. Darin ein Mädchen, das heimlich das Elternhaus verlässt und sich auf die abenteuerliche Reise zur Militärakademie macht, wo sie sich als Junge verkleidet einschleicht.

Lina ist in dieser Geschichte schon auf Seite 56 angekommen. Das hat sie natürlich nicht alles an diesem Vormittag geschafft. Das Schreiben ist für die Schülerin schon längst Teil ihres Lebens geworden, und in Lehrerin Kristina Rehr hat sie eine Förderin gefunden.

„Die Schüler, die hier heute mitmachen, gehören entweder zur Gruppe der Begabten – dazu zählen wir alle, die einen Notendurchschnitt von 2,0 oder besser haben – oder sie sind uns speziell mit ihrer Begabung zum Schreiben aufgefallen. Projekte wie diese Schreibwerkstatt sollen eine besondere Herausforderung darstellen, an denen die Kinder und Jugendlichen wachsen können“, erklärt Rehr. Sie fügt hinzu, dass sie sich schon darauf freue, mitzuverfolgen, wie sich diese Generation von jungen Talenten in den nächsten Jahren entwickeln wird.

Doch warum funktioniert Fantasy eigentlich in einem Schreibworkshop? Warum kann beinahe jeder an die Welt von Vampiren und Geistern anknüpfen? „Fantasy ist ein uraltes Genre und Stilmittel“, sagt Maresch und ruft als Beispiel Shakespeares „Sommernachtstraum“ ins Gedächtnis. In Fantasy-Geschichten kommen Sorgen und Sehnsüchte zum Vorschein und es sei „ein Weg, sich den inneren Dämonen zu stellen.“

Jugendliche sollen ihre Umgebung neu kennenlernen

Denn durch Fantasy könnten eigene Muster und Typen erkannt und hinterfragt werden: Welche Erzählstrukturen wiederholen sich in Fantasy-Geschichten? Welche Charaktereigenschaften werden mit Vampir, Werwolf oder Fee verbunden, und warum? Und was wäre, wenn all diese fantastischen Dinge tatsächlich real werden Hier, in Rinteln? „Die Jugendlichen sollen sich ihre eigene Umgebung ganz genau ansehen“, so Maresch. Und sie neu kennenlernen, indem sie sie zum Beispiel mit Elfen und Orks bevölkern.

Maresch hat Politik und Orientalistik studiert. Er ist selber Fantasy-Autor, wenn auch nicht hauptberuflich. Zum Schreiben hat ihn der Besuch der Fantasy-Lovestory „Twilight“ gebracht: „Da kommt der starke Werwolf oder der leidende Vampir, und hundert Jahre Emanzipation sind dahin“, spielt Maresch auf die zwei Charaktere des Films an, die beim weiblichen Publikum besonders beliebt sind.

Ganz oft spielen in der Fantasy außerdem Außenseiter, Andersdenkende, Andersaussehende, wichtige Rollen – eine Vorstellung, mit der sich gerade Jugendliche identifizieren dürften.

Eigener Schreibwettbewerb

Vor Kurzem hat das „Bundesamt“ auch einen eigenen Schreibwettbewerb ins Leben gerufen: Alle Schüler können bis zum 30. September 2017 ihre fantastischen Kurzgeschichten per E-Mail ans „Amt“ schicken. Die besten Geschichten möchte Maresch sammeln und in einem Buch veröffentlichen – und das, wenn es klappt, jedes Jahr aufs Neue. Das „Amt“ sitzt in einem eigenen Haus in Bonn, und bringt nicht nur Fantasy liebende Menschen zusammen, sondern hat einen eigenen – sehr aufwendigen – Kinotrailer produziert, vertreibt eine eigene Modelinie, Mareschs Bücher und sogar dessen Met und Honig.

Auch könnte sie sich zu einer literarischen Agentur oder zum Buchverlag entwickeln, sagt Maresch; das entscheide sich noch. In diesem Jahr will das „Amt“ außerdem mit einem eigenen Stand auf die Leipziger Buchmesse. „Wir waren selber überrascht zu sehen, welche Dimensionen das Bundesamt angenommen hat“, freut sich Maresch.

Schikane von Rechts

Sogar die offiziellen Ministerien machen den Spaß seiner Aussage nach mit. Ulrich Kelber etwa, parlamentarischer Staatssekretär im Justizministerium, hat die Schirmherrschaft übernommen. Doch es ist nicht alles nur Spaß: Maresch hat nach eigenen Aussagen auch Schikane von Rechts erlebt. Er und sein Partner nahmen zwei Flüchtlinge auf, aus dem Irak. Maresch erlebte nach eigener Aussage danach sieben Einbrüche und Einbruchsversuche in seinem Unternehmen – einer Imkerei –, Kunden gingen verloren, er bekam rechte Parolen zu hören.

Letztendlich schloss er die Imkerei. Doch er will ein Zeichen dagegen setzen, „uns dem Terror von rechts stellen“, sagt der 49-Jährige. Natürlich mit eigenen Mitteln: bunt, kreativ, phantasievoll. Das Haus des „Bundesamts“ soll nun durch eine bemalte Hauswand ein meterhohes Statement gegen Rechts, Fremdenfeindlichkeit und Homophobie werden. Und natürlich wird er mit dem Mittel Zeichen setzen, das einen so großen Teil seines Lebens einnimmt: Fantasy. cm, mld

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