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Flips und Grabs in Bethlehem

Skaterpark für palestinensische Jugendliche Flips und Grabs in Bethlehem

Man fällt hin, tut sich weh, steht auf und versucht es noch einmal: Skateboardfahren erfordert Disziplin – und es macht Spaß. Die Kinder im SOS-Kinderdorf Bethlehem, aufgewachsen im Schatten von Krieg und Besatzung, üben neuerdings Flips und Grabs.

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 Der zwölfjährige Azz Eddin fährt Skateboard im neuen Park in Bethlehem.

Quelle: epd

Der zwölfjährige Azz Eddin ist im Bethlehemer SOS-Kinderdorf fast so etwas wie ein Star. Seit drei Monaten fährt der Palästinenser Skateboard, die Jacke ist modisch, die Frisur gelgefestigt. Er bewegt sich schon recht souverän auf dem Brett. Für den Waisenjungen ist Skateboard „besser als Fußball und jeder andere Sport“, wie er sagt.

 Ohne das gemeinsame Projekt des Kinderdorfes und der deutschen Organisation Skate-aid wäre der Junge vermutlich nie auf die Idee gekommen, Skateboard zu fahren: Auf dem Gelände des SOS-Kinderdorfes ist der größte Skateboardpark in den Palästinensergebieten entstanden.

 Vor sechs Jahren rief der Münsteraner Titus Dittman die Organisation Skate-aid ins Leben. Seither sind rund 20 Sport- und Freizeitanlagen in Kriegs- und Krisengebieten auf der ganzen Welt gebaut worden, immer in Zusammenarbeit mit lokalen Partnern, die vor Ort die Kinder und Jugendlichen betreuen. Die erste Anlage entstand in Afghanistan, es folgten Länder wie Kenia, Südafrika, Uganda und Tansania. Als Nächstes steht Ruanda an.

 Dittmann, der als „Vater“ der deutschen Skateboardszene gilt, empfindet den Sport als sinnstiftend und als hilfreich bei der Persönlichkeitsbildung. Wie schon gesagt: Man fällt hin, tut sich weh, steht auf und versucht es noch einmal.

 In Bethlehem hat Skate-aid das erste Mal mit den SOS-Kinderdörfern kooperiert. Knapp 100 Waisen im Alter von drei bis 18 Jahren sind hier zu Hause, verteilt auf 14 Wohnungen. Azz Eddin lebt zusammen mit drei leiblichen Geschwistern bei seiner Kinderdorf-Mutter Fadia Damiri. Ganz selbstverständlich spricht sie von „meinem Sohn“, als sie ihm beim Anlegen der Knie- und Ellenbogenschützer hilft.

 Außer um die Waisen kümmert sich das Kinderdorf auch um Studenten, die in Wohngemeinschaften in der Stadt wohnen. Außerdem unterstützt das Kinderdorf einige Hundert bedürftige Familien mit Überbrückungskrediten. „Natürlich sollen auch die Kinder aus der Nachbarschaft den Park nutzen dürfen“, sagt Abdallah Qamhawi, der Direktor des SOS-Kinderdorfes.

 Gerade für die palästinensischen Jugendlichen, die im Schatten von Kriegen und Besatzung aufwachsen, sei die Herausforderung wichtig, sagt Qamhawi. Dort hätten sie „die Chance, sich selbst zu beweisen und ein Erfolgserlebnis zu haben“. Der Skateboard-Sport sei für die Entwicklung eines gesunden Selbstwertgefühls geeignet, urteilt auch Titus Dittmann – schon deshalb, weil es jungen Menschen viel leichter gelinge, die Balance zu halten, als Erwachsenen.

 Die treibende Kraft hinter dem Skatepark-Projekt in Bethlehem ist die Deutsch-Palästinenserin Rania al-Khatib, die sich in ihrer Freizeit ehrenamtlich für die SOS-Kinderdörfer weltweit einsetzt. Wegen neuer gewalttätiger Auseinandersetzungen hat es sich um gut ein halbes Jahr verzögert.

 „Das SOS-Kinderdorf stellt das Grundstück zur Verfügung, Skate-aid zahlt die Flugtickets und die Unterkunft für die Architekten sowie das Material“, erklärt sie. „Außerdem haben wir über die SOS-Kinderdörfer 15000 Euro an Spenden aufbringen können.“ Auf der Webseite von Skate-aid kann man verfolgen, wie viel Geld wofür gebraucht wird. Fast 8000 Euro waren etwa für Zement, Schotter und Kies nötig.

 Zu denen, die ehrenamtlich letzte Hand an die Anlage legten, zählt auch Christoph Kintrup, Student für Landschaftsarchitektur aus Münster. Im vergangenen Jahr war er schon einmal in Bethlehem, um nach einem passenden Platz für den Park Ausschau zu halten. Zwei alte Olivenbäume sollten geschont werden, sorgfältig arrangierte er die Bahn um die Stämme herum. Kintrup ist selbst begeisterter Skateboardfahrer und zeigt dem zwölfjährigen Azz, wie er sich noch verbessern kann.

 „Azz verbringt Stunden auf dem Brett“, sagt Qamhawi, als er dem Jungen zusieht. Alle Kinder seien begeistert bei der Sache, „aber keiner so wie er“. Die Anlage solle künftig auch nachts genutzt werden können, verspricht er. „Wir brauchen nur noch eine passende Beleuchtung.“

 Die Begeisterung für den neuen Sport könnte sich unter allen Palästinensern verbreiten, hofft der Direktor. Es wäre nicht das erste Mal, dass das Bethlehemer SOS-Kinderdorf Trendsetter ist: Die palästinensische Fußball-Nationalmannschaft der Frauen nahm einst mit einer Gruppe von Waisenmädchen ihren Anfang. epd

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