Volltextsuche über das Angebot:

25 ° / 15 ° Regenschauer

Navigation:
Diabulimie: Gefährlicher Abnehm-Trend

SNack Diabulimie: Gefährlicher Abnehm-Trend

Der Schlankheitswahn kennt keine Grenzen. Auch unter jungen Menschen mit Diabetes mellitus Typ 1 entwickelt sich ein gefährlicher Trend: Diabulimie nennt er sich und ist lebensgefährlich.

Voriger Artikel
Ein Besuch bei der Lindhorster Schülerfirma
Nächster Artikel
Schillers Werke in 111 Minuten verstehen

Trotz schwerer Folgen ist die Angst dick zu werden oft so stark, dass die Betroffenen ihre Insulindosis weglassen.

Quelle: ls

SNack. Von Lisa Schütte

Diese Erkrankung tritt in zwei Formen auf. Während sich die eine wie die bekannte Bulimie äußert, bei der Essen häufig phasenweise in sich hineingestopft und später wieder erbrochen wird, ist die zweite Form noch extremer: das sogenannte „Insulin-Purging“. Hierbei wird das lebenswichtige Hormon Insulin bewusst nicht mehr gespritzt.

Diabetes mellitus Typ 1 tritt vorwiegend im Kindes- und Jugendalter auf. Es ist eine Autoimmunkrankheit, bei der Anti-Körper die Insulin produzierenden Zellen der Bauchspeicheldrüse töten. Die Patienten müssen fortan ihr Leben lang Insulin spritzen. Das Insulin spaltet die Nahrung und transportiert die Glukose in die Zellen des Körpers. Es ist also lebenswichtig, um den Körper mit Energie zu versorgen. Fehlt Insulin, wird alles, was durch die Nahrung aufgenommen wird, aus dem Körper gespült. Man verhungert am lebendigen Leib.

Eine Betroffene aus Hannover schildert: „Ich konnte essen, was ich wollte und nahm trotz riesiger Mengen nicht zu, teilweise sogar ab.“ Dieses Wissen machen sich einige Typ-1-Diabetiker zum Vorteil und verzichten auf ihre Insulindosis, um nicht mehr zuzunehmen oder abzunehmen.

Thomas Tiemann, Diabetologe aus Rinteln, erklärt: „Hauptsächlich tritt dieses Phänomen bei jungen Frauen mit Typ-1-Diabetes auf. Da sprechen wir schon von einer Quote von bis zu 20 Prozent, die es bewusst und in einem längeren Zeitraum praktizieren. Da gibt es noch einige, die dies immer Mal wieder machen. Das sind die meisten.“

Das Ergebnis ist eindeutig. Es funktioniert. Der Preis, der gezahlt wird, ist jedoch hoch. Zu hohe Blutzuckerwerte sind auf Dauer gefährlich. Gefäße werden geschädigt und es kann zu Amputationen und Erblindung kommen.

„Für viele ist es einfach Mittel zum Zweck. Man merkt ja nicht sofort, was man dem Körper antut, aber die Gefahr an Folgeerkrankungen zu erleiden steigt enorm“, warnt der Diabetologe.

Im schlimmsten Fall landen die Patienten durch den absoluten Insulinmangel im diabetischen Koma. Dies kann, wenn es nicht sofort behandelt wird, zum Tode führen.

Der Körper steht permanent im Mittelpunkt

Die Patienten kennen die Gefahren, ignorieren sie aber bewusst. Der Wunsch, dünn und schön zu sein, ist größer. „Ich wusste, dass ich meinem Körper damit erheblichen Schaden zuführte und das merkte ich auch körperlich: ständige Müdigkeit, unerträglicher Durst, Gliederschmerzen, Zahnfleischentzündungen, Sehstörungen und Depressionen. Anderseits konnte ich meine Kleidergröße verringern“, beichtet die junge Hannoveranerin.

Wie kann es zu so einem selbstzerstörerischen Verhalten kommen? Der Körper steht permanent im Mittelpunkt. Und das in einem Alter, in dem das Selbstwertgefühl oft schon genug leidet. Alle drei Monate müssen die Patienten zum Arzt. Dieser fragt nach Gewicht, den Blutzuckerwerten und dem Essverhalten der letzten Monate, dokumentiert und analysiert alles.

Die Patienten müssen jede ihrer Mahlzeiten berechnen. Wie viele Kohlenhydrate hat das Essen, wie fettig ist es und wie viel Eiweiß ist enthalten? Danach richtet sich dann die Insulindosis. Das permanente Fokussieren auf den Körper und jede zu sich genommene Mahlzeit kann schnell zu einem gestörten Essverhalten führen.

Auch die ständige Verwechslung und Vorurteile durch Typ-2-Diabetes, den sogenannten Alters-Diabetes, verunsichert viele jungen Menschen: „So jung und schon Diabetes? Du hast wohl zu viel Süßigkeiten gegessen.“ Das sind Aussagen, die sich junge Typ-1-Diabetiker öfter anhören müssen. Viele Betroffene wollen von diesem falschen Bild Abstand nehmen, indem sie auf keinen Fall so aussehen, als wäre ihr Diabetes durch Übergewicht entstanden. Oft hilft in diesem Fall nur eine Therapie: „Wird das Insulin-Purging exzessiv betrieben, ist es natürlich selbstgefährdend für die Person. Als Betreuungsform wird dann eine Therapie bei einem Psychodiabetologen veranlasst“, sagt Tiemann.

Leider wird das Thema Bulimie bei Diabetikern häufig nicht angesprochen oder gar diagnostiziert. Meistens bleibt es lange unentdeckt und Begriffe wie Diabulimie und Insulin-Purging werden unter der Hand gehalten. Deswegen ist es sehr wichtig, über dieses Thema zu sprechen und sowohl Betroffene als auch Angehörige und Ärzte aufzuklären und zu informieren.

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Möchten Sie uns zu diesem Artikel Ihre Meinung sagen? Dann schicken Sie uns einen Leserbrief.

Leserbrief schreiben