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Stolz darauf, Ire zu sein

SNack-Autor in Cork Stolz darauf, Ire zu sein

Marvin Schildmeier erkundet vier Monate lang Irland. Auf SNack berichtet er jetzt zum zweiten Mal von seinen Erlebnissen aus der irischen Stadt Cork und Umgebung.

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Am einstigen Stützpunkt der britischen Armee schlendern heute Touristen durch die Tore der Festungsanlage Charles Fort.pr.

Je länger ich in Irland bin, desto stärker fallen mir die interessanten Kleinigkeiten auf, die den Alltag der Menschen hier bestimmen. So sehr sich der Farmer von nebenan auch vom Großstadt-Groupie in Dublin unterscheidet, stolz auf ihre Heimat sind sie alle.

Wenn es neben der Leidenschaft für Butter noch etwas gibt, das die Iren bereits mit der Muttermilch aufsaugen, dann ist es eine gewisse Abneigung gegenüber allem Britischen. So haben die Iren den Euro nur, weil der Engländer ihn eben nicht hat, und sprechen allein deshalb in diesem grausamen Dialekt, damit die feinen Herren aus Oxford, Cambridge und London bei einer Reise ins Nachbarland das Gefühl haben, mit ihrem Englisch am Ende zu sein.

Neben all den Bemühungen, sich eine eigene Identität zu schaffen, wirkt der Slogan „Proud to be Irish“ (Stolz darauf, Ire zu sein), der viele Produkte in Supermärkten ziert, wie ein verzweifelter Versuch, der Welt zu zeigen, wer und was man eigentlich ist – Ire und bloß kein Brite. Dass mehr als zwei Drittel der Amerikaner Irland nicht mal auf der Weltkarte finden würden und glauben, das Land sei nichts weiter als eine ausgelagerte Sonderwirtschaftszone Großbritanniens, treibt den einen oder anderen Iren mitunter in eine mittelschwere Depression.

Sich von den Insulanern östlich der irischen See abzugrenzen und ihnen hin und wieder mal eins auszuwischen, ist deshalb zu einer Art Hobby, wenn nicht gar zum Volkssport Nummer eins geworden. Besonders deutlich zeigt sich das am Umgang mit der Geschichte britischer Kolonialherrschaft: So kann es schon mal passieren, dass eine Festung, die von Zeiten des British Empire zeugt, kurzerhand zweckentfremdet wird. Anstatt der verhassten Vergangenheit unter englischer Besatzung zu huldigen, entschlossen sich die Bürger des kleinen Hafenstädtchens Kinsale, etwa 30 Kilometer südlich von Cork, dazu, die historische Gedenkstätte Charles Fort in einen Hippie-Campingplatz der Extraklasse zu verwandeln. So strömten in den sechziger Jahren unzählige Anhänger der Friedensbewegung, sicherlich mit einem gewissen Vorrat an LSD, Marihuana und Co. im Gepäck, auf das Gelände der ehemaligen Festungsanlage.

An einem Ort, der in den vergangenen Jahrhunderten für Krieg und Unterdrückung gestanden hatte, wollten sie ein Zeichen für Frieden setzen. So würde heute sicherlich ein britischer Historiker das deuten, was vor rund 50 Jahren auf Charles Fort geschehen ist.

Ich hingegen finde meine eigene Interpretation ein klein wenig schlüssiger: Während England alles daran setzt, an seine glorreiche Vergangenheit zu erinnern, treten die Iren diese mit Füßen. Sie scheinen ihre eigene Geschichte unter britischer Krone nur dann ertragen zu können, wenn sie die Erinnerung daran in einem Drogenrausch ersticken. Peace!

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