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Und jeder kann zuschauen

„Younow“ Und jeder kann zuschauen

Im Alltag würden nur wenige Jugendliche fremden Menschen intime Fragen beantworten. Auf der Internet-Plattform „Younow“ breiten sie dagegen private Details vor der Kamera aus.

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Streamen, live aus dem Kinderzimmer: "younow" macht es möglich.

Quelle: dpa

Snack. Marvin sitzt vor der Webcam und raucht Shisha mit einem Kumpel. Die beiden Jugendlichen erklären knapp 20 Zuschauern, wie man Rauchringe pafft. Luca steht im Unterhemd vorm Badezimmerspiegel und stylt sich die Haare. Marleen sitzt in ihrem rosa Mädchenzimmer vor der Webcam und erzählt auf Nachfrage, dass sie eine rosafarbene Unterhose mit Herzchen und Schleife trägt.

Über das Portal „Younow“ hat die Welt Einblick in ihr Zuhause und kann das live kommentieren. Zeigen will die Zwölfjährige ihre Unterwäsche nach einer Aufforderung aus dem Chat lieber nicht. „Aber wir können ja mal bei Whatsapp schreiben“, sagt sie in die Kamera. (Alle User-Namen geändert.)

Das Streaming-Portal „Younow“ bekommt in Deutschland immer größeren Zulauf. Die Nutzer hätten es im Januar auf 16 Millionen Live-Streams gebracht, berichtete das Magazin „Stern“. Nach der Anmeldung über einen Google-, Facebook- oder Twitteraccount kann jeder per Smartphone-App oder PC-Browser online gehen und seinen Stream live ins Internet senden.

Die 2011 in den USA gegründete Plattform war ursprünglich für Musiker und Youtube-Videoproduzenten gedacht, die darüber mit ihren Fans in Verbindung treten können. Doch ein Blick auf „Younow“ zeigt etwas anderes: Vor allem Kinder und Jugendliche streamen live aus ihren heimischen Schlafzimmern oder aus der Schule. Viele nennen ihre echten Namen, manche sogar die Adresse oder die Handy-Nummer.

Es sei erschreckend, dass die Plattform so explosionsartig wachse und vor allem Minderjährige munter Fragen beantworteten, die sie im Alltag nie zulassen würden, sagt Jürgen Brautmeier von der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen. Bei „Younow“ fallen nach seinen Worten Hemmschwellen und Tabus, die junge Menschen eigentlich schützen. Offiziell dürfen sich Kinder ab 13 Jahren bei dem Portal anmelden. Geprüft wird das aber nicht.

Vielen scheint nicht klar zu sein, in welchem Ausmaß sie Fremden persönliche Daten anvertrauen. „Das ist wie skypen“, sagt eine 15-Jährige. „Du schreibst halt mit Freunden und du siehst sie nicht.“ Zusammen mit ihrer 13-jährigen Schwester freut sich die Jugendliche über ihre 92 Zuschauer und beantwortet Kommentare wie Fanpost. Beleidigungen und Anzüglichkeiten werden ignoriert.

Die Anziehungskraft von „Younow“ liegt primär in der Suche nach Selbstbestätigung. Das Portal biete vor allem für junge Mädchen eine auf den ersten Blick unverfängliche Möglichkeit, Lob und Anerkennung zu bekommen, vermutet Medienexperte Brautmeier.„Ich kann dort Zuspruch finden, ohne dass aus meiner direkten Umgebung unangenehme Fragen aufkommen.“

Das bestätigt die 16-jährige Annika: Im Alltag fehle es ihr oft an Selbstbewusstsein, deshalb sehe sie die Kommunikation per Webcam als eine Art Training an. „Hier bin ich auch nicht mehr schüchtern, das hat mir geholfen“, sagt sie. Hinzu kommt ein Wettbewerbsfaktor: Wer viele Zuschauer hat und von ihnen virtuelle Belohnungen wie Herzchen oder hochgestreckte Daumen bekommt, steigt in der Liste nach oben.

Auch in Schaumburg wird die Plattform kritisch diskutiert. Anne (18), vom Wilhelm-Busch-Gymnasium Stadthagen sagt dazu: „Ich finde ,Younow‘ sinnlos. Was bitte ist toll daran, dass Leute live im Internet zeigen, was sie gerade machen? Eigentlich ist es eher gefährlich, weil viele Jugendliche bestimmt nicht wissen, wie sie richtig damit umgehen müssen, um nicht zu viele private Dinge preiszugeben. Ich habe zum Beispiel von einem Mädchen gehört, was bei ,Younow‘ erzählt hat, wo sie lebt und zur Schule geht.“

Celina Peuker (17) vom Ratsgymnasium Stadthagen meint: „Allgemein mag ich ,Younow‘ sehr gerne, es gibt vielen die Möglichkeit sich zu präsentieren ohne sich bei Youtube anmelden zu müssen. Außerdem unterhält es einen an langweiligen Abenden und man lernt echt tolle Leute kennen! Einziger Nachteil: Die vielen jungen Mädchen, die ihre Nummer, Adresse und so weiter rausgeben ohne über die Folgen nachzudenken.“   epd, sh, ah

Rechtliche Probleme

Jugendlichen Nutzern ist oft nicht klar, dass sie gegen das Persönlichkeits- und Urheberrecht verstoßen. So verletzt das Filmen von Klassenkameraden, Lehrern oder Passanten das Recht am eigenen Bild. Wenn User im Hintergrund Musik laufen lassen und dazu singen oder tanzen, könnte eine Klage in Haus flattern, weil für Musik in Online-Videos normalerweise Gema-Gebühren fällig sind. epd

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