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Zwischen Unruhen und Friedensdemos

Bad Nenndorf/Johannesburg Zwischen Unruhen und Friedensdemos

Seit Ostern herrschen in Südafrika große Unruhen. Vermehrt ist es in den vergangenen Wochen zu ausländerfeindlichen Ausschreitungen gegen Immigranten – vorwiegend aus Südafrikas Nachbarstaaten – gekommen.

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Wiebke Knüttel (Zweite von rechts in der Gruppe) nimmt an einer Friedensdemonstration gegen ausländerfeindliche Angriffe teil.

Quelle: pr., Evans Mathibe

Bad Nenndorf/Johannesburg (kil). Medien vermeldeten mehrere Tote und Tausende Vertriebene. Ganz nah dran an den Unruhen ist Wiebke Knüttel aus Bad Nenndorf, die seit September als Freiwillige für das Projekt „weltwärts“ in Johannesburg arbeitet. Mit SNack hat die ehemalige Schülerin des Gymnasiums Bad Nenndorf über ihre Erfahrungen zwischen ausländerfeindlichen Angriffen und Demonstrationen für Frieden und Menschenrechte gesprochen.

 Vor einiger Zeit „kam es zu sehr gewalttätigen Ausschreitungen gegen schwarze Nicht-Südafrikaner in Durban“, schildert Wiebke. Den Hintergrund für solche Angriffe nennt man auch „Xenophobie“, das ist Griechisch und bezeichnet die Angst vor Fremden. „Dabei gab es auch sieben Todesopfer. Grund dieser Ausschreitungen war eine Rede des Zulu-Königs Goodwill Zwelithini, in der er sagte: ,Alle Ausländer sollen ihre Sachen packen und in Ihre Heimat zurückkehren...!‘“ Gemeint waren damit vor allem die vielen Flüchtlinge, Asylanten und Arbeiter aus Mosambik, Botswana, Äthiopien und anderen afrikanischen Staaten.

 Ein Hauptargument der Südafrikaner, warum diese Menschen das Land verlassen sollen, sei die sehr hohe Arbeitslosigkeitsrate von 24 Prozent. „Einige sind der Meinung, dass die Immigranten ihnen die Arbeitsplätze wegnehmen, da diese bereit sind, für einen geringeren Lohn zu arbeiten.“

 Bei dem kleinsten Anlass komme es „zu äußerst gewalttätigen „Xenophobia-Attacken“. Wiebke als weiße Europäerin, „die tendenziell Geld in das Land bringt“, sei jedoch nicht das primäre Ziel solcher Angriffe. Aber auch bei der Freiwilligen in Johannesburg kam es zu Angriffen gegen Immigranten und wiederholten, kleineren Ausschreitungen. Ganz in der Nähe ihres Viertels. „Ich meine, am späten Abend sogar vereinzelt Schussgeräusche gehört zu haben“, erzählt Wiebke.

 Nachdem es für einige Tage ruhiger geworden war, änderte sich die Atmosphäre wieder. „In ganz Johannesburg gab es zahlreiche Veranstaltungen, um Solidarität mit den Opfern der Attacken zu zeigen, und vor allem, um aller Welt deutlich zu machen, dass die meisten Südafrikaner gegen Xenophobie sind.“

 Wiebke ist überzeugt: „Es kann nicht richtig sein, dass 600 gewalttätige Menschen eine ganze Nation (von rund 54 Millionen Einwohnern) in Angst und Schrecken versetzen können!“

 Sie selbst hat an einer solchen Veranstaltung teilgenommen. „Der Beginn war recht ruhig und feierlich mit der Hymne, Reden und Kerzen, die zum Gedenken angezündet wurden. Im Anschluss wurde fröhlich zu Liedern und Sprechchören getanzt.“

 Die Lieder handelten von Frieden, Gleichheit, Menschlichkeit und der Vereinigung in Afrika. „Jeder hatte einen Button und mehrere Plakate mit Botschaften wie ,No to Xenophobia‘ in der Hand“, berichtet Wiebke. „Obwohl ich mich manchmal etwas unsicher fühle, wenn ich im Dunklen draußen unterwegs bin, war hier die Atmosphäre sehr friedlich und entspannt.“

 Zwei Tage später war sie mit anderen Freiwilligen und Mitarbeitern ihres Theater-Projektes „Drama for Life“ bei einem großen „People’s March“. „Dieser führte quer durch Johannesburg, vom Pieter Roos Park durch Hillbrow und Newtown zum Mary Fitzgerald Square.“ Rund 30000 Menschen aller Religionen und Herkunftsländer versammelten sich im Park. Wieder wurde gesungen und getanzt, es gab Reden und Gedenken der Opfer. Dann setzte sich der Marsch in Bewegung. An der Spitze führende Repräsentanten aus Bildung, Religion und Politik. Nach einigen Metern stimmte die Masse die südafrikanische Nationalhymne an. „Es war ein atemberaubender Moment, ein Gefühl von Verbundenheit und Nationalstolz erfasste selbst mich“, obwohl Wiebke nicht alle Strophen verstehen konnte. „Ich kann nicht zählen, wie oft wir ,We want Peace!‘ oder ähnliches in Sprechchören gerufen haben.“

 Die Botschaft dieser Veranstaltung ist aus Wiebkes Sicht ganz klar: „Südafrika will der Welt zeigen, dass es nicht aus einem fremdenhassenden Mob besteht, sondern dort viele couragierte Bürger, deren oberstes Ziel die Einhaltung der Menschenrechte ist, leben.“ Die Bad Nenndorferin fühlt sich „in diesem sehr vielfältigen Land“ immer noch sehr willkommen.

 Wiebkes Blog: wiebkeinjohannesburg.blogspot.de/kil

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