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Zwischen Wahnsinn und Nächstenliebe

Vorweihnachtszeit in Irland Zwischen Wahnsinn und Nächstenliebe

Ein Semester lang lebt und studiert Marvin Schildmeier aus Nordsehl in der irischen Stadt Cork. Auf SNack berichtet er, wie er die Vorweihnachtszeit in Irland erlebt.

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Nervenkitzel statt Langeweile

„Giving Tree“: Viele Iren legen Geschenke für sozial benachteiligte Kinder unter den Baum. pr.

Während sich in Deutschland  die Türchen des Adventskalenders nach und nach öffnen und die Zeit beginnt, in der man sich so langsam aber sicher auf die Geschenke freuen darf, sind die Iren in puncto Weihnachtsfeeling schon ein Stück weiter: Der erste Kalender ist leer, der zweite schon reichlich geplündert und „Last Christmas“ inzwischen längst ein Tinnitus in Dauerschleife.

 Da bekommt man häufig das Gefühl, man solle dazu gezwungen werden, gefälligst in Weihnachtsstimmung zu kommen. Notfalls auch mit schlechter Musik. Und dafür fahren die Iren dann alles auf, was die alte Dekokiste auf dem Dachboden zu bieten hat: goldenes Lametta, aufblasbare Rentiere und blaue Lichterketten. Wenn man sich derzeit in Cork umsieht, gewinnt man schnell den Eindruck, man sei in einer US-amerikanischen Kleinstadt gelandet, in der ein Preis für „größer, greller, bunter“ verliehen wird.

 Und als Krönung des vorweihnachtlichen Spektakels sendet das irische Fernsehen einmal im Jahr die Late Late Toy Show, eine Art Talk-Show, in der Kinder ihr Lieblingsspielzeug vorstellen und in einem Nebensatz erwähnen, was sie sich dieses Jahr so Teures wünschen. Die Spielzeugindustrie dankt. Und der Einzelhandel ebenso, denn schon wenige Tage später beteiligen sich die irischen Geschäfte am sogenannten Black Friday. Verzweifelte Eltern werden mit unschlagbaren Rabattaktionen und Schnäppchenangeboten angelockt, um die langen Wunschzettel abzuarbeiten, die ihre Kinder nach der als Talk-Show getarnten Werbeoffensive an den Weihnachtsmann geschickt haben.

 Auf den ersten Blick scheint Weihnachten in Irland also genau das zu sein, was es inzwischen auch in vielen anderen Teilen der Welt geworden ist: ein jährlich wiederkehrendes, groß angelegtes Konsumieren. Doch wirft man mal einen Blick hinter die strahlend bunte Kitschfassade, merkt man, dass die Iren nicht vergessen haben, worum es an Weihnachten wirklich geht, und dass Gutes tun gar nicht immer etwas damit zu tun haben muss, eine Menge Geld auszugeben.

 So hat etwa das University College Cork eine Aktion ins Leben gerufen, die sich „Giving Tree“ nennt (frei übersetzt: „der schenkende Weihnachtsbaum“). Bei diesem Projekt kann jeder einmal in die Rolle des Weihnachtsmanns schlüpfen und einem sozial benachteiligten Kind mit einem Geschenk ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Ob und wie viel Geld man dafür ausgibt, bleibt jedem selbst überlassen. Die Botschaft jedoch ist klar: Helfen kann man auch mit einem kleinen Portemonnaie. ms

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