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Ein inniges Verhältnis

Meine Großmutter Ein inniges Verhältnis

Meine Großmutter, meine Mutter und ich – das war unsere Familie. Mein Großvater starb, als ich zwei Jahre alt war, und mein Vater kam nicht aus dem Krieg zurück. Also fiel meiner Mutter die „Männerrolle“ zu: Sie verdiente als Berufstätige den Unterhalt für uns drei. Meine Großmutter war für den Haushalt zuständig.

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Die Großmutter und ihre Enkelin im Jahr 1952.

Quelle: pr.

Von Wiebke Wilkening

Für mich bedeutete dies, dass meine Omi jederzeit anwesend war: Ich blieb nie allein, sie nahm sich immer Zeit für mich, sie war meine engste Vertraute und eine weise, tolerante, erstaunlich modern denkende Ratgeberin.

Meine früheste Erinnerung stammt aus der Zeit der Stromsperren in der Nachkriegszeit. Ich hatte in der Dunkelheit Angst. Dann nahm mich Omi auf den Schoß, ich kuschelte mich an sie. Bald erzählte sie mit leiser, beruhigender Stimme Geschichten von früher und begleitete diese mit Schattenfiguren, die sie mit ihren Fingern formte. Manchmal sangen wir Lieder oder sprachen zusammen Kinderreime. Ich fühlte mich geborgen.

Gerne suchte ich ihre Nähe. So erledigte ich meine Hausaufgaben am liebsten in der Küche, während meine Großmutter am anderen Ende des Tisches las oder handarbeitete. Ihre Ruhe schien sich auf mich zu übertragen. Viele Arbeiten verrichteten wir gemeinsam, und so erwarb ich wichtige Alltagsfertigkeiten. Bei Problemen blieb sie gelassen, ich kann mich an kein lautes oder böses Wort von ihr erinnern. Nach einem meiner pubertären Wutausbrüche tadelte sie mich mit den Worten: „Mädchen, schämst Du Dich denn gar nicht?“ Und als mich ein Studienfreund besuchte, der meiner Mutter missfiel, beschloss Omi den Disput: „Er ist ein schlauer Kopf, aber ich würde Dir jemanden mit mehr Herz wünschen.“

Meine Großmutter vertraute trotz mancher Enttäuschung immer auf das Gute im Menschen. Und sie nahm alles klaglos an, was das Leben ihr auferlegte. Sie blieb eine der Hauptarbeitskräfte auf dem elterlichen Hof, erlebte zwei Weltkriege, ertrug die Repressalien während der Nazi-Diktatur, der russischen Besatzungszeit und in der DDR, pflegte jahrelang ihren qualvoll leidenden Mann, sah ihrer Erblindung entgegen, stütze ihre Tochter, als deren Lebenspläne zerfielen und folgte schließlich meiner Mutter und mir in die Bundesrepublik, wissend, dass sie die Heimat und die Verwandten nicht wiedersehen würde. Unter diesem Verlust hat sie gelitten. Manchmal wirkte Omi traurig, und sie verdrängte aufsteigende Tränen, wenn sie Briefe „von drüben“ immer wieder las.

Ihre Kraft und ihren Lebensmut gewann sie aus ihrem unerschütterlichen Glauben. „Was Gott tut, das ist wohlgetan. Er hilft, alles zu ertragen und zu schaffen.“ Für das Schöne in ihrem Leben war sie von Herzen dankbar und genoss es in stiller Freude.

Meine Großmutter verstarb 1967 im Alter von 85 Jahren an den Folgen eines Schlaganfalls. Meine Mutter und ich pflegten sie. Omi hat meinen Lebensweg mit Liebe und Güte begleitet und entscheidend geprägt. Sie war der wichtigste Mensch in meinem Leben.

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