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Maikenshände ruhen nicht

Brauchtum Maikenshände ruhen nicht

Meine Großmutter trug Schaumburg-Lipper Tracht gemäß ihres Heimatortes in der Lindhorster Form mit der röhrenförmigen Bänderhaube. Das Leben in diesem Brauchtum hat sie nicht nur äußerlich geprägt, sondern ihre gesamte Lebensform und -haltung bestimmt.

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Von Renate Jeschke

Als Frau der „Roten Röcke“ war sie für ein bäuerliches Dasein mit klaren Aufgaben und Grenzen festgelegt. Dazu gehörte schwere körperliche Arbeit von Kindheit an genauso wie sittsame angepasste Lebensführung. Die Trachtenkleidung ließ äußerliche Reize kaum erkennbar werden zu Gunsten einer genauen Kennzeichnung von Stand und Alter.

 Für mich war unsere „Omma“, wie wir sie plattdeutsch nannten, schon immer eine alte Frau mit Händen, denen man die harte Arbeit ansah, und vielen Falten, wozu aber auch reichlich Lachfalten gehörten.

 Denn bei aller Härte ihres Lebens war sie überaus fröhlich und lebendig. Sie sang gern, oft und schön. Von ihr kenne ich zahlreiche „Spinnrad-Lieder“ mit grausigem Inhalt und unendlichen Strophen. Sie konnte auch fast alle Choräle aus dem Gesangbuch auswendig, das neben der Bibel auf ihrem Nachtisch lag. Strenggläubig und gottesfürchtig brachte sie mir den Katechismus schon sehr früh nahe.

 Angst und durchaus auch körperliche Züchtigung gehörten zu ihrem Selbstverständnis von Kindererziehung. Wenn es beim Gewitter donnerte, „schimpfte der Liebe Gott“, und die „Kornmuhme“ holte die Kinder, die sich ins Kornfeld wagten. Dass dabei Glaube und Aberglaube zusammen gingen, tat der Wirksamkeit keinen Abbruch. Gehorsam war oberstes Gebot.

 Als unter meinem ersten Schulzeugnis stand: „Renate ist sehr lebhaft und stört den Unterricht“, hatte sie das binnen kurzer Zeit abgestellt, so dass es beim nächsten Mal hieß: „Renate arbeitet jetzt ruhig und fleißig mit.“ Fleiß war eine weitere unverzichtbare Tugend speziell für Mädchen. „Maikenshände dürfen nicht ruhig sein“, lautete ihr Wahlspruch. Das bedeutete, immer irgendeine Arbeit zu erledigen, mindestens eine Handarbeit. Häkeln, Stricken und Sticken wurden ein wesentlicher Teil meiner Kindheit.

 Wenn aber mal eine Arbeit, beispielsweise als Geburtstagsgeschenk, nicht termingerecht fertig wurde, konnte ich immer zu meiner „Omma“ in unserem Viergenerationenhaus gehen und sicher sein, dass das Werk am Morgen perfekt auf dem Tisch lag. Überhaupt war sie meine verlässliche Fluchtburg bei jedem Ärger mit Eltern oder Geschwistern. Hinter ihrem roten Rock konnte ich mich gut verstecken, unter dem schweren Umhang war es warm beim Gang zur Kirche, und in ihrem großen weichen Federbett versank ich in lauter Herrlichkeiten. Es duftete nach getrocknetem Pfefferminz und Tabak, wozu es ehrwürdig ächzte und quietschte.

 Ich glaube, meine „Omma“ zog mich ein wenig den anderen Enkeln vor, vielleicht weil sie fand, dass ich so patent in ihr Weltbild passte. Sie hatte deshalb auch eine feste Vorstellung von meiner Zukunft: Ich sollte möglichst in einen großen Bauernhof in Schaumburg einheiraten. Das hat ja nun leider nicht geklappt.

 Meine „Omma“ und ich vor dem Elternhaus.pr.

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