Volltextsuche über das Angebot:

2 ° / -8 ° wolkig

Navigation:
Seemannsgarn und Schrebergarten

Im Dienste des Kaisers Seemannsgarn und Schrebergarten

Als Opa Richard, Jahrgang 1883, geboren in Havelberg, mit 25 Jahren in Rüstringen (heute Wilhelmshaven) seine Johanna aus Ostpreußen heiratete, hatte er schon einige Jahre bei der kaiserlichen Marine gedient, den Kaiser höchst persönlich auf dessen Yacht während der Kieler Woche über die Förde geschippert und war durch und durch Seemann geworden.

Voriger Artikel
Willkommen in’ Freuhjohr
Nächster Artikel
Oma Trudchen und die Maus

Großvater Richard, stehend links mit Schaufel, etwa 1920 auf dem Schlepper „Boreas“.

Quelle: pr.

Von Uwe Toepfer

Während des Ersten Weltkriegs beschickte er die Kessel des Schleppers „Boreas“ mit Kohle und war dabei, als nach der Skagerrak-Schlacht 1916 die schwer beschädigten Schlachtschiffe in den Hafen geschleppt wurden. Und später fuhr er in die Türkei, den Nahen Osten und England, brachte für seine Söhne eine Landschildkröte mit und wenn es kein Seemannsgarn ist, war sogar ein kleiner Bär in seinem Gepäck, der dann an einen Tiergarten weitergegeben wurde.

So war es kein Wunder, dass Opa, wenn ich ihn besuchte, Geschichten erzählen konnte, die Robinson Crusoe und Sigismund Rüstig in den Schatten stellten. Oma Johanna winkte manchmal ab, was bedeuten sollte: „Glaub man nicht alles, was er erzählt!“ Aber für mich wurde die Welt größer und größer, wenn ich auf dem Atlas Opas Reisen nachvollzog.

Ein ganz besonderer Spaß erwartete meinen Bruder und mich immer in den Sommer- und Herbstferien. Wenn in seinem Schrebergarten die Kirschen glutrot waren, kletterte ich mit meinen damals 14 Jahren in den höchsten Kirschbaum, wo ich die Aussicht und das Schwanken der Äste genoss. Natürlich wanderte eine nicht unbeträchtliche Menge Kirschen in den eigenen Magen, bevor der Korb voll war. Auch der Birnbaum besaß eine eindrucksvolle Höhe. Opa Richard stellte seine längste Leiter an den Stamm und ich durfte nach einigen Ermahnungen und Sicherheitshinweisen hinaufklettern, hängte einen Korb mit einer Leine über eine starken Ast und pflückte dann in aller Ruhe die Birnen. Und wenn der Korb voll war, ließ ich ihn langsam hinuntergleiten. „Bis Weihnachten sind sie butterweich“, meinte Opa und wir freuten uns auf Birnen und Kloß, was Mutter besonders gut zubereiten konnte.

Heute, mit Abstand von Jahrzehnten, bedaure ich nur eins: dass ich nicht mehr Fragen gestellt habe, dass mein Interesse an Leben und Vergangenheit meiner Großeltern erst dann wuchs, als es schon zu spät war. Erst nach der Wiedervereinigung habe ich die Taufkirche in Havelberg besucht und den Geburtseintrag im alten Kirchenbuch nachgelesen.

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Möchten Sie uns zu diesem Artikel Ihre Meinung sagen? Dann schicken Sie uns einen Leserbrief.

Leserbrief schreiben

In Ruhe einkaufen, erholsam Urlaub machen, in die Stadtgeschichte eintauchen oder einfach mal in einem der vielen Restaurants und Kneipen die Seele baumeln lassen. Lernen Sie Stadthagen von einer ganz anderen Seite und auf ganz besondere Weise kennen. mehr

Schaumburg