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Wenn das Herz verrückt spielt

Defibrillator Wenn das Herz verrückt spielt

„Ich war tot!“, sagt Sebastian P. (Name geändert) und in seinem Gesicht zeigen sich selbst nach so langer Zeit Angst und ungläubiges Staunen.

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Einen solchen Defibrillator trägt Sebastian P. in seiner Brust.

Quelle: toe

Von Uwe Toepfer

Im Jahre 2008 spielte sein Herz verrückt, geriet außer Rand und Band. Unregelmäßiger Puls, Herzrasen und Ängste versetzten seine Frau in Alarmstimmung. Rasches Handeln war nötig.

 „Wäre sie nicht gewesen, hätte ich nicht überlebt“, ist Sebastian P. überzeugt. Er hatte Herzflimmern – ohne rasches Eingreifen tödlich. Notarzt und Ambulanz taten das menschlich Mögliche: Reanimation, Fahrt ins Krankenhaus Stadthagen, Kühlung. Und dennoch war eine schier endlose Zeit vergangen.

 Die Befürchtung, dass irreparable Schäden im Gehirn wegen des Sauerstoffmangels eingetreten sein könnten, war groß. „Ich bin ein Ausnahmefall“, meint P. Nur langsam kehrte das Leben zurück. Seine Sinne nahmen Umwelteindrücke anfangs nur bruchstückhaft wahr. Erst allmählich konnte er wieder sprechen, sehen und hören. Und was er hörte, wenn Pfleger sich über ihre Patienten unterhielten, war nicht unbedingt ermutigend.

 Was nun? Ihm wurde die Implantation eines Defibrillators empfohlen, ein Gerät, das die Herztätigkeit überwacht und im Falle einer rhythmischen Störung regulierend eingreift. Groß wie eine Taschenuhr, mit 78 Gramm kein Leichtgewicht, wenn es in den Brustkorb eingepflanzt wird. „Die Vorbereitung der Operation hat mir Angst gemacht“, gibt P. zu.

 Gerade hatte er das Leben wiedergewonnen, schon stand es wieder in Frage. Denn das Herz wird bei der Operation still gestellt. P. wollte alle Details über den Eingriff wissen, zeigte Skepsis. „Wenn Sie die Maßnahmen nicht unterstützen, haben Sie eine Lebenserwartung von weniger als zwei Jahren“, wurde dem heute 69-Jährigen gesagt. Die Ärzte schätzten, anders als P., das Risiko wesentlich geringer ein. Schließlich wurden nach Angaben des deutschen Defibrillator-Zentralregisters 2010 in Deutschland 35.598 Defibrillator-Operationen durchgeführt, davon 25.582 Neuimplantationen.

 Schließlich willigte er in die Operation ein. Heute ist er den Ärzten dankbar. Ein Vierteljahr blieb er im Krankenhaus. Vor der Entlassung erhielt er einen Ausweis, der Angaben über Funktion und Programmierung des implantierten Gerätes enthält. Ruckartige Bewegungen des Arms, schweres Heben waren verboten, damit die feinen Elektroden einwachsen konnten. Auch Autofahren war ihm zunächst nicht gestattet.

 „Die routinemäßigen Kontrollen finden vierteljährlich statt“, sagt P. Dabei werden die im Defibrillator aufgezeichneten Daten ausgelesen, sodass der behandelnde Arzt Auffälligkeiten erkennen kann. Das Leben hatte ihn wieder.

 Dennoch wird P. immer wieder von Ängsten geplagt. Der Grund: In seinem Wohnumfeld existieren immer mehr elektromagnetische Felder, die als Störpotenzial für den Defibrillator auftreten können. Sicherheitsschleusen im Flughafen, Eingänge von Kaufhäusern oder Geldinstituten, bestimmte elektrische Geräte sind nur einige Beispiele für Gefährdungen. Nach Auskunft der Ärztekammer Niedersachsen kann es „grundsätzlich bei den Sicherheitssystemen zur […] elektromagnetischen Interferenz mit dem Defibrillator kommen. Dies könnte in extrem seltenen Fällen zu einer vorübergehenden Beeinträchtigung des Defibrillators führen. Eine besondere Gefährdung einer bestimmten Altersgruppe besteht nicht.“

 Allerdings sollten Sicherheitsschleusen rasch passiert werden. Die Kerckhoff-Klinik in Bad Nauheim schlägt vor, für bestimmte Geräte einen Sicherheitsabstand einzuhalten. Dazu gehören Bohrmaschinen und elektrische Heizkissen ebenso wie Rasenmäher mit Zündkerzen. Für unbedenklich hält die Liste dagegen Elektroherd, Computer oder Staubsauger. Die Ärztekammer Niedersachsen weist darauf hin, „dass jeder Träger eines Defibrillators vom Arzt über notwendige Verhaltensmaßregeln aufgeklärt wird.“

 Sebastian P. wünscht sich, dass die Gefährdungen für Implantatsträger im öffentlichen Raum auf ein Mindestmaß reduziert werden.

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