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Sisyphusarbeit Entwicklungshilfe

Von Reinsen nach Afrika und zurück Sisyphusarbeit Entwicklungshilfe

Aus dem Leben von Katja Braun und Martin Gehrke ließe sich ein spannender Film drehen, auf jeden Fall reicht ein Zeitungsartikel nicht aus, um den Erlebnissen ihrer sechs Jahre in Afrika gerecht zu werden.

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Martin Gehrke und Evelyn Namale mit den Hunden Simba und Gismo, die Gehrke und seine Frau Katja Braun aus Afrika mitgebracht haben.

Quelle: col

REINSEN. Aber ein Versuch ist es dennoch wert – zumal sich das Paar davon Aufmerksamkeit und Unterstützung für Evelyn Namale erhofft. Die 29-Jährige haben die beiden Reinser in Uganda kennengelernt und gleich ins Herz geschlossen. Bereits zum zweiten Mal ist Namale jetzt zu Besuch und freut sich über den Wald, die Luft und die gute Infrastruktur.

In den Kongo hat die beiden die Arbeit von Braun geführt, die als gelernte Steuerfachangestellte in Hannover für die Deutsche Stiftung Weltbevölkerung gearbeitet hat. Der Diplom-Psychologe Gehrke hatte es bereits mehrfach nach Afrika verschlagen, beruflich als auch privat. „Afrika polarisiert, entweder man ist beim ersten Besuch zutiefst geschockt, man weint und will weglaufen oder man liebt das Land zutiefst.“ Auch seine Frau sei während ihrer Besuche dort begeistert gewesen. „Für uns war klar, sollte sich die Gelegenheit bieten, dort zu leben, würden wir sofort unsere Zelte hier abbrechen.“

Sicherheitstraining als Voraussetzung

Anfang 2008 war es dann soweit: Katja Braun hatte sich bei der Welthungerhilfe beworben. Doch statt der eigentlich ausgeschriebenen wurde ihr eine Stelle in Goma (Kongo) angeboten. Ihre erste Reaktion: „Da ist doch Krieg. Da will ich nicht hin.“ Das Angebot, sich die Situation eine Woche lang vor Ort anzuschauen, nahm sie dennoch an. Und dann konnte sie auch ein Erdbeben nicht abschrecken. Braun und Gehrke absolvierten einen Kurs, zu dem neben Landeskunde und dem ethnischen Hintergrund auch ein Sicherheitstraining gehörte: „Dort wurde uns gezeigt, wie wir uns im Falle einer Entführung verhalten sollen oder beim Ranfahren an eine Straßensperre.“ Die Reaktionen aus dem Umfeld seien dementsprechend ausgefallen: „Seid ihr komplett verrückt geworden?“

Ihr Haus in Reinsen hat das Paar aber nicht verkauft. „Wegen der unsicheren Situation aufgrund des Bürgerkriegs wollten wir immer schnell zurückkommen können.“ Tatsächlich ist das Paar auch wegen Rebellenangriffen zwei Mal evakuiert worden. „Da saßen wir dann an der Grenze in einem 4-Sterne-Hotel und haben gesehen, wie 500 Meter entfernt gekämpft wurde. Wir wussten nicht, wie es den Menschen, die uns nahestehen, geht und ob unser Haus vielleicht niedergebrannt wurde.“

In Uganda gab es das Ja-Wort

Auch Martin Gehrke hat in Goma schnell Arbeit gefunden: Für die Welthungerhilfe betreute er Projekte zur Friedenssicherung, also etwa den Straßenbau. „Man muss wissen, dass es da echtes Dschungel-Gebiet ist.“ Außerdem reorganisierte der Psychologe ein Projekt zur Wiedereingliederung von Kindersoldaten.

Nach einem Jahr zog das Paar nach Kampala, die Hauptstadt Ugandas, wo Katja das Länderbüro für den Kongo aufbauen sollte. „Goma konnte es wegen der unsicheren Lage nicht sein“, erklärt Martin die seltsame Konstruktion. Und dort nutzte das Paar die Gelegenheit, zu heiraten. „Wir hatten hier schon mal einen deutschen Standesbeamtem gefragt, der beim Kongo gleich abgewunken hatte, ,das können Sie vergessen‘.“ Aber Uganda sei bezüglich der Anerkennung in Deutschland kein Problem. „Wir haben also auf einem ugandischen Standesamt geheiratet, nur in Begleitung unserer Trauzeugen.“

In Uganda war Martin Gehrke als IT-Berater tätig, „in der Entwicklungshilfe kann man nach kurzer Zeit alles, in unserem Haus in Kongo habe ich auch die ganze Elektrik selbst gemacht.“

Eine schwere Entscheidung

Mitte 2014 kehrte das Ehepaar nach Reinsen zurück. „Es war nicht nur, dass das Haus für Katjas Eltern, die sich während unserer Abwesenheit darum gekümmert haben, zur Belastung wurde, sondern Katja auch das System, die Korruption, zu viel geworden ist. Sie brauchte Abstand.“ Es sei eine schwere Entscheidung gewesen, weil „wir in den Jahren natürlich auch viele Freunde gefunden und unsere eigenen kleinen Entwicklungshilfeprojekte hatten“.

So wie Evelyn Namale, deren Vater 2008 gestorben ist – während ihres letzten Semester auf der Universität, wo sie Public Relations studierte. Die Mutter stand nun allein mit den sechs Kindern da. „Wir mussten hart arbeiten, damit wir mein Schulgeld und das meiner Geschwister bezahlen konnten.“ Die Familie hält sich mit Handarbeiten über Wasser, stellt aus Geschenkband Taschen her und aus Magazinen Schmuck. „Meine Mutter hat die immer gemacht und ich habe darin die einzige Möglichkeit gesehen, wie wir überleben können“, erzählt Namale, der man kaum glauben kann, dass sie nächsten Monat ihren 30. Geburtstag feiert. Mit ihren beiden Zöpfen, der leisen Stimme und der Leidenschaft, mit der sie jedoch in rasantem Tempo spricht, könnte sie auch für 16 durchgehen.

„Das hat mich viel selbstbewusster gemacht“

„Viele Menschen versuchen so, etwas zum Einkommen beizusteuern, aber sie wissen nicht, wie man richtig verkauft und machen keine Kostenkalkulation, sodass sie manchmal nicht mal das rauskriegen, was sie reinstecken“, ergänzt Gehrke.

Mit ihrer Idee, anderen Menschen beizubringen, wie man Taschen und Schmuck herstellt, war Namale bei Braun im Büro erschienen, ohne Termin – und hatte so ihre erste Schülerin gefunden. „Und wie Deutsche nun mal sind, wollte Katja das System optimieren“, schmunzelt ihr Mann. Sie half Namale beim Marketing und das Paar vermittelte die junge Frau an einen Freund bei „Horizont3000“, der größten Organisation in der nichtstaatlichen österreichischen Entwicklungsarbeit. Über die Kontakte erhielt Namale die Möglichkeit, eine 18-köpfige Gruppe zu trainieren. „Das hat mich viel selbstbewusster gemacht“, erinnert sich Namale.

Privatschule, um Prügel zu entgehen

„Für uns Entwicklungshelfer ist so ein Beispiel wie Evelyn die Motivation schlechthin, wenn man also spürt, dass die eigene Arbeit auch Wirkung zeigt.“ Schließlich gebe es auch viel Frustration und Rückschläge. „Entwicklungsarbeit ist Sisyphusarbeit.“

Namales Bemühungen und die ihrer Familie reichen trotzdem nur knapp zum Leben, „wir haben Leute gefunden, die sie unterstützen“, so Gehrke. Das Problem sei der Schulbesuch, der sehr teuer sei. „Die Kinder gehen auf eine Privatschule, wo sie nicht geprügelt werden, wie auf den staatlichen.“ 500000 Uganda-Schilling, umgerechnet 140 Euro, kostet ein Vierteljahr – pro Kind. Vier Kinder gehen noch zur Schule, die nicht alle Namales leibliche Geschwister sind.

„Ich wollte sie nur beschützen“

Mit ihren 29 Jahren trägt sie eine hohe Verantwortung, und trotzdem hat sie ihr großes Herz dazu bewogen, ein kleines Mädchen aufzunehmen, das sie während eines Fortbildungslehrgangs in Busia kennengelernt hat. „Sie hat Mangos verkauft und ich habe ihr eine abgekauft, dann kam sie jeden Tag.“ Die Kleine, die so schmutzig war, keine Schuhe trug und nicht zur Schule ging, habe ihr so leidgetan, „dass ich meine Mutter gefragt habe, ob wir sie aufnehmen können“. Die erste Nacht in Kampala habe sie auf dem Stuhl geschlafen, „sie hatte nie ein eigenes Bett, kannte das nicht“, erzählt die 29-Jährige mit erstickter Stimme, „ich wollte sie nur beschützen“. Sechs Jahre ist das nun her, die Kleine habe sich gut entwickelt, geht jetzt zur Schule.

Nachdem Namale ihre Geschichte erzählt hat, beim Verabschieden an der Tür, fragt Gehrke lächelnd: „Weißt du jetzt, warum wir Evelyn in unser Herz geschlossen haben.“

Ein paar von Namales Stücken gibt es bei Sillisalaatti in Stadthagen, Niedernstraße 10, zu kaufen. Wer Interesse hat, sich zum Selbstkostenpreis von der 29-Jährigen zeigen zu lassen, wie sie ihren Schmuck herstellt, kann sich gerne bei Martin Gehrke unter Telefon (01525) 3919562 melden. col

evelynwondershop.com

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