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„Aber ich liebe ihn doch trotzdem“

Stadthagen „Aber ich liebe ihn doch trotzdem“

„Das kommt in den besten Familien vor“ – dieses Sprichwort hat wohl jeder schon einmal gehört. Es wird gerne verwendet, um familiäre Reibereien als notwendiges Übel zu erklären.

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In 90 Prozent der von der Polizei registrierten Fälle häuslicher Gewalt ist die Frau das Opfer (nachgestellte Szene).

Quelle: rg

Stadthagen. Doch wenn sich aus einem zünftigen Streit eine handgreifliche Auseinandersetzung entwickelt, reichen banale Erklärungsversuche nicht mehr aus.

 Etwa jede vierte Frau, die in Deutschland lebt, ist laut einer Studie des Familienministeriums zufolge mindestens einmal in ihrem Leben Opfer von körperlicher oder sexueller Gewalt durch ihren aktuellen oder früheren Partner geworden.

 „Es sind allerdings nicht nur Rohheitsdelikte bis hin zum Mord, die unter den Oberbegriff häusliche Gewalt fallen“, erklärt Axel Bergmann, Sprecher der Polizei Stadthagen, „sondern es zählen alle Formen physischer, sexueller und psychischer Gewalt zwischen erwachsenen Personen in häuslichen Gemeinschaften dazu.“ Das betrifft nicht nur Liebschaften, die bereits zusammen gezogen sind, sondern auch Beziehungen mit Partnern, die getrennt voneinander wohnen. Ex-Partnerschaften, deren Ende einer der Beteiligten nicht akzeptieren will, gehören ebenfalls dazu.

 Es liegt auf der Hand, dass in der absoluten Mehrzahl Frauen betroffen sind: Bei zirka 90 Prozent der Fälle ist die Partnerin das Opfer.

 Früher wurden Delikte häuslicher Gewalt gerne als belanglose Familienstreitigkeiten abgetan und in der Regel kaum strafrechtlich verfolgt. In Österreich beispielsweise steht Vergewaltigung in der Ehe erst seit 1989 unter Strafe. In Deutschland gar erst seit 1997.

 „Dank des Gewaltschutzgesetzes kann häusliche Gewalt heute viel wirksamer bekämpft werden“, sagt Bergmann. Jenes Gesetz wurde am 1. Januar 2002 in Kraft gesetzt und schafft umfangreiche Schutzmaßnahmen für Betroffene und stellt bestimmte Handlungen unter Strafe. Dazu gehört zum Beispiel das „Stalking“, also das intensive Nachstellen von Personen, das nunmehr auch strafbar ist.

 Die Polizei Stadthagen zählt seit der Einführung des Gesetzes jährlich etwa 200 Fälle häuslicher Gewalt im Landkreis. Wenn die Gesetzeshüter in Stadthagen zu einem mutmaßlichen Fall gerufen werden, bei dem es noch nicht zu Handgreiflichkeiten gekommen ist, verfolgen sie eine bestimme Vorgehensweise: „Die Polizisten sondieren die Lage vor Ort, hören die Partner getrennt voneinander an und bewerten anschließend die Gefahrensituation“, erklärt der Polizeisprecher. Stellt sich dabei heraus, dass tatsächlich eine Bedrohung besteht, kann der potenziell gewalttätige Partner der Wohnung verwiesen werden und ein Betretungsverbot von bis zu zwei Wochen auferlegt bekommen. Anschließend meldet sich die Beratungs- und Interventionsstelle bei häuslicher Gewalt (BISS) bei der Betroffenen (siehe Kasten).

 Auch wenn neue Gesetzmäßigkeiten Frauen stärker schützen, ist die Dunkelziffer von Übergriffen wohl ungleich höher, da sich viele Opfer nicht trauen, aus ihrem Martyrium auszubrechen. „Sie rufen erst die Polizei, wenn wirklich viel passiert ist“, sagt Gabriele Dransfeld, Diplom-Sozialpädagogin von der BISS. Bis dieser Zeitpunkt erreicht ist, kann es aber eine ganze Weile dauern. „Die Gründe, warum Frauen nicht eher ausbrechen, sind äußerst vielschichtig.“

 Viele Frauen, und auch Männer, seien in ihrer Kindheit bereits Opfer häuslicher Gewalt geworden. Entsprechend ist es möglich, dass bestimmte Verhaltensweisen übernommen werden und sich Frauen bereitwillig in ein Abhängigkeitsverhältnis begeben, da sie es gar nicht anders kennen. „Einige haben schon als Mädchen gesehen, wie der Vater die Mutter prügelte, oder wurden gar selbst geschlagen“, sagt Dransfeld.

 Eine extreme Form dieser Abhängigkeit ist das „Stockholm-Syndrom“. Dieses, nach einer Geiselnahme in der schwedischen Hauptstadt benannte, psychologische Phänomen beschreibt ein Vertrauensverhältnis zwischen Opfer und Täter: „Die hoch traumatisierte Frau ist nur noch um Deeskalation bemüht und verliert die Fähigkeit, eigenständig zu denken“, erklärt die Sozialpädagogin.

 Weiterhin würden sich viele Frauen noch im traditionellen Rollenbild verankert sehen. „Sie fühlen sich verantwortlich für das Gelingen der Beziehung und wollen beispielsweise eine Familie mit allen Mitteln zusammenhalten“, sagt Dransfeld. Dafür würden sie viele Dinge in Kauf nehmen, wie Polizeisprecher Bergmann unterstreicht: „Sätze wie: ,Aber ich liebe ihn doch trotzdem‘ oder ‚Wenn er nüchtern ist, ist er ganz anders‘ hören wir in diesem Zusammenhang ständig.“ Außerdem seien die Angst vor sozialer Not und Reputation in der Öffentlichkeit wichtige Faktoren, die betroffene Frauen an ihren gewalttätigen Männern festhalten lassen. js

Hier finden Betroffene Hilfe

Gabriele Dransfeld, Diplom-Sozialpädagogin von der Beratungs- und Interventionsstelle bei häuslicher Gewalt Stadthagen (BISS), verfolgt bei ihrer Arbeit mit Betroffenen einen pro-aktiven Ansatz. Nachdem der Polizei ein Fall von häuslicher Gewalt gemeldet wird, nimmt die Pädagogin von sich aus Kontakt mit dem Opfer auf und bietet Hilfe an. Neben psychologischer Beratung können mögliche juristische Schritte besprochen werden, um den Opfern zu helfen. „Selbstverständlich können betroffene Frauen auch direkt auf uns zukommen und müssen nicht erst den Umweg über die Polizei gehen“, sagt die Sozialpädagogin. Neben der Polizei und der BISS, Telefon (0 57 2 1) 99 51 21, können sich Betroffene an die Stiftung Opferhilfe Bückeburg, Telefon (0 57 22) 29 02 64, und an das Frauenhaus Schaumburg, Telefon (0 57 2 1) 32 12, wenden. js

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