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Alkohol: Wenn Genuss zur Sucht wird

Experten-Interview Alkohol: Wenn Genuss zur Sucht wird

Regina Danowski arbeitet als Suchtberaterin beim Diakonischen Werk in Stadthagen. Im Interview erklärt die Sozialarbeiterin und -Pädagogin, wie Menschen in die Alkoholabhängigkeit geraten und wie ihnen auf dem Weg in ein abstinentes Leben geholfen werden kann.

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In Schaumburg gibt es Schätzungen zufolge etwa 8000 Alkoholabhängige.

Quelle: dpa

Stadthagen. Alkohol gilt als Genussmittel. Ab wann kann man von einer Sucht sprechen?
Es gibt mehrere Symptome, die eine Alkoholabhängigkeit beschreiben. Und zwar, wenn es zu einer Dosissteigerung kommt, also wenn man immer mehr trinken muss, um den gleichen Effekt zu bekommen. Hinzu kommt der Kontrollverlust, wenn die Menschen nicht mehr selbst darüber bestimmen können, wann und wieviel sie trinken. Auch die Vernachlässigung wichtiger Interessen wie die Familie oder der Beruf gehört dazu. Bei einer körperlichen Abhängigkeit treten zudem Entzugserscheinungen auf.
Wie machen sich die Entzugserscheinungen bemerkbar?
Das fängt an mit Unruhe, Nervosität, Zittern, Schwitzen und Stimmungsschwankungen und kann gehen bis zu schweren Organauffälligkeiten, Krampfanfällen und Wahnvorstellungen – die berühmten weißen Mäuse.
Gibt es gesellschaftliche Entwicklungen, die die Gefahr einer Alkoholsucht erhöhen?
Da Alkohol in unserer Gesellschaft allgegenwärtig ist, ist permanent die Gefahr einer Abhängigkeit gegeben. Alkohol wird in unserer Kultur genutzt, um sich zu entspannen und locker zu werden. Das sind erstmal positive Effekte, und die möchte man unter Umständen häufiger haben. Dann kann es sein, dass man Alkohol gezielt einsetzt. Wenn ich merke, ich bin traurig und kann Traurigkeit schlecht ertragen, und sich durch den Alkoholkonsum die Stimmung verändert, trinke ich möglicherweise beim nächsten Mal wieder Alkohol. So kann es zur Gewöhnung kommen. Unsere Gesellschaft wird immer komplexer, immer schwieriger und es gibt immer mehr Möglichkeiten zu scheitern. Man weiß zum Beispiel, dass es Zusammenhänge zwischen Arbeitslosigkeit und Alkoholkonsum gibt.
Welche Rolle spielt Stress im Beruf?
In meiner Beratung habe ich zunehmend Menschen, die wegen der Arbeitsbelastung Alkohol konsumieren und dadurch in die Abhängigkeit geraten.
Welche Personengruppen sind besonders gefährdet? Gibt es den „typischen“ Alkoholiker?
Den typischen Alkoholiker gibt es nicht. Aber je weniger Ressourcen einem zur Verfügung stehen, desto schwieriger ist es. Wenn jemand Familie und Arbeit hat, ist das ein Unterstützungssystem. Aber wenn Menschen vereinsamt oder arbeitslos sind, bricht das weg. Ein zunehmendes Thema ist das Trinken im Alter. Einsamkeit, Nachlassen der körperlichen Fähigkeiten, Verlust von Freundschaften – das sind schwere Schicksalsschläge, die bewältigt werden wollen. Der häufigste Fall, der bei uns Beratung und Hilfe sucht, ist allerdings männlich, Mitte 40, Familienvater und berufstätig.
Im Gegensatz zu anderen Drogen ist Alkohol völlig legal. Wie wirkt sich das auf die Suchtgefahr aus?
Verfügbarkeit ist ein Faktor, der mitbestimmt, wieviele Menschen abhängig werden. Das muss man ganz klar sagen. Es gibt gesellschaftliche Gruppen, in denen es Norm ist, zu trinken. Und es gibt Menschen, die Angst haben ausgegrenzt zu werden, wenn sie nicht trinken.
Wie helfen Sie Menschen, die wegen Alkoholkrankheit zu Ihnen kommen?
In der Beratung informieren wir zunächst erstmal über das Hilfsangebot, das es gibt. Und dann bieten wir Beratungen an, um zu gucken: Was könnte ein nächster guter Schritt sein? Der Weg in die Sucht ist individuell, und der Weg heraus ist es auch. Da kommt ein ganzes Faktorenbündel zum Tragen.
Wie wichtig ist die Veränderung des Umfelds?
Der Alkohol erfüllt eine Funktion. Es ist wichtig, sich darüber bewusst zu werden: Warum habe ich Alkohol getrunken? Wozu war er gut? Wenn man den Alkohol aus dem Leben draußen lassen will, stellt sich die Frage: Was machen Sie stattdessen? Wer trinkt, um Stress zu bewältigen, wird auch zukünftig im Leben Stress haben. Suchtbewältigung heißt auch immer Veränderung. Das kann eine Wertveränderung bedeuten, zum Beispiel dass man nicht mehr so leistungsorientiert ist, nicht mehr 150 Prozent gibt. Oder sie können versuchen, Einfluss auf ihre Umwelt zu nehmen, zum Beispiel die Stunden reduzieren. Es gibt ganz viele Punkte, die veränderbar sind. Wir gucken, was den Betroffenen veränderbar ist. Das ist ganz individuell.
Stichwort Komasaufen: Hat sich die Hemmschwelle bei Jugendlichen verringert?
Die Zahl der Krankenhauseinweisungen von Kinder und Jugendlichen mit akuter Alkoholvergiftung sind zurückgegangen. Hier haben die Präventionsmaßnahmen Wirkung gezeigt.
Wie sollten sich Eltern verhalten, wenn ihre Kinder anfangen zu trinken?
Ansprechen, darüber reden. Kinder werden in Kontakt mit Alkohol kommen. Im Zweifelsfall sollte man sich kompetente Hilfe holen, sich an Beratungsstellen wenden oder das Gespräch mit Lehrern suchen. Das Beste ist, nicht mit dem Problem alleine zu bleiben.

40 Jahre Selbsthilfe

Schätzungen zufolge gibt es in Schaumburg mehr als 8000 Alkoholabhängige. Die Selbsthilfegruppen für Sucherkrankungen des Diakonischen Werkes begleiten seit 1975 Betroffene und Angehörige. Derzeit gibt es 21 Gruppen im Landkreis, die rund 250 Suchtkranke in ihrer abstinenten Lebensweise begleiten, beraten und unterstützen. Zum Anlass ihres 40-jähriges Bestehen geben die Selbsthilfegruppen am Sonnabend, 27. Juni, ab 12 Uhr in den Räumen des Diakonischen Werkes Stadthagen, Bahnhofstraße 16, einen Einblick in ihre Tätigkeit. Neben alkoholfreien Cocktails und Bratwurst gibt es eine Ausstellung des TÜV Hessen über „Alkohol im Straßenverkehr“ und einen Rauschbrillenparcours. ber

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