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Stadthagen Stadt Als Tiger durch Stadthagens Straßen streiften
Schaumburg Stadthagen Stadthagen Stadt Als Tiger durch Stadthagens Straßen streiften
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14:45 10.01.2019
Tiger haben Stadthagen vor rund 40 Jahren in Atem gehalten. Quelle: pr.
Stadthagen

Fast auf den Tag genau vor 40 Jahren hat Klaus Huxhold Schnee vor dem Amtsgericht geschippt. Der damals 30-jährige Justizbeamte war in Personalunion auch Hausmeister der Behörde, bewohnte eine Junggesellenbude in deren Keller. Winterlich eingepackt mit Mütze tief ins Gesicht gezogen blickte Huxhold kurz auf und sah auf der gegenüberliegenden Straßenseite einen Tiger stadteinwärts trotten. Ein gewaltiges Geschöpf, ein sibirischer Tiger, Schulterhöhe ein Meter. Huxhold blinzelte kurz, senkte den Kopf und machte sich zurück an die Arbeit. Was für ein Schneegestöber. Moment.

„Zuerst dachte ich, so ein Quatsch, das kann ja gar nicht sein“, erinnert sich Huxhold, heute 70. Ein zweites Hinsehen sollte die Sache klären. Tat es auch. Da lief ein Tiger auf dem Bürgersteig gegenüber.

Huxhold rang seine Urinstinkte nieder, die ihm rieten: Lauf. Zwar fiel ihm der Schneeschieber vor Schreck aus den Händen, aber zurück ins Amtsgericht ging es im Schleichmodus, die Augen auf die gestreifte Majestät gerichtet. „Ich hatte Angst, seinen Jagdtrieb auszulösen“, berichtet der Stadthäger.

Großalarm in der Kreisstadt

Ein Anruf bei der Polizei endete mit dem skeptischen „Ich rufe sie gleich zurück“ des Beamten am anderen Ende. Kurz darauf allerdings brach die Hölle los. Großalarm. 20 Streifenwagen rückten an, darunter Unterstützung aus Hannover, Hameln, Minden und Petershagen. „Huxholdts“ Tiger war nämlich nur einer von acht. Auf der Enzer Straße erblickte ein Autofahrer einen der Prädatoren im Rückspiegel. Er gab Gas. Der Tiger auch. Das Tier verfolgte den Mann.

Warnungen schallten durch die Straßen aus den Lautsprechern der Polizei. Auch im Radio hieß es: Vorsicht bitte in Stadthagen, wegen der Tiger. Bizarr klingt das und ein bisschen beängstigend. Wie ein Traum. Allerdings stimmt jedes Wort der Geschichte. Grund dafür, dass die Stadthäger sich Ende der Siebziger eine gute halbe Stunde lang vor Fressfeinden fürchten mussten, war ein unaufmerksamer Mitarbeiter des Zirkus Williams-Althoff.

Der gastierte damals in der Festhalle. Als Erstes bemerkte Zirkuschefin und Dompteurin Evy Althoff, was passiert war. Sie war gegen Ende der Vorstellung auf dem Weg zu ihrem Wohnwagen, als sie plötzlich einem ihrer Tiger gegenüberstand. Dessen sieben Artgenossen stromerten derweil auf dem Festplatz herum. Ein Pfleger hatte vergessen, den Riegel vorzuschieben
Althoff lief zurück in die Manege, um die Zuschauer zu warnen. Aufgelöst platzte sie ihrem Ehemann mitten in die Ansage. Weil der Zufall manchmal so spielt, gönnte sich just an diesem Abend Polizeihauptmeister Rudi Jachmann die Vorstellung. Er stellte fest: Die Frau des Zirkusdirektors erlaubte sich keinen Scherz. Das bewies ein Blick in Richtung Haupteingang. Dort trottete gerade ein Tiger vorbei. Jachmann löste den Großalarm aus.

Angst war allgegenwärtig

Auch hiesige Jäger machten sich bereit. Zum Glück für die Tiere umsonst. Den Zirkusleuten gelang es, die entlaufenen Tiger mit dicken Fleischbrocken zurück in ihren Käfig zu locken. Aus dem waren sie entkommen, weil ein Pfleger vergessen hatte, den Riegel vorzuschieben, nachdem er darin sauber gemacht hatte.

Wenn also wie 2018 in Stadthagen ein Auftrittsverbot für Zirkusse mit Wildtieren politisch diskutiert wird und die CDU etwaigen Sicherheitsbedenken entgegenhält, es sei vor Ort „noch nie“ etwas passiert, dann stimmt das nicht ganz. Die meiste Angst, heißt es in einem Bericht der Tageszeitung vom 12. Januar 1979, hätten alle Beteiligten vor Ausbruch einer Panik gehabt. „Wenn sich in der Halle die Elefanten losgerissen hätten, wäre alles zu spät gewesen“, sagte damals Polizeihauptkommissar Wolfgang Heisecke. Und Rainer Westphal, Pressesprecher des Zirkus, empfahl den Lesern für den unwahrscheinlichen Fall, dass sich die Ereignisse des Tages irgendwann wiederholen sollten: „Am besten ganz ruhig bleiben. Wenn man sich bewegt oder panisch reagiert, dann erwacht in den Tieren der Jagdinstinkt.“

Der Justizbeamte Huxhold hatte also genau richtig gehandelt. Blöd nur, dass er an diesem Abend mit seiner Freundin in Obernkirchen verabredet gewesen war. Die fühlte sich nicht ernst genommen und reagierte entsprechend, als der Partner auf die Frage, warum er sich denn verspäte, antwortete, das läge an den Tigern draußen auf der Straße.

Von Jan-Christoph Prüfer