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Als in Stadthagen die Lichter angingen

Unterwerk am Georgschacht Als in Stadthagen die Lichter angingen

Im Schatten der Ruinen des Georgschachtes fristet ein unscheinbares Klinkergebäude sein Dasein, das einst eine Schlüsselrolle für die Elektrifizierung Stadthagens gespielt hat.

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Das alte Unterwerk liegt etwas abseitig von den Georgschachtruinen. Bis 1930 regelte darin ein Wärter den Strom über Schalträder

Quelle: GEB/PR

STADTHAGEN. Werner Issel, ein bedeutender Industrie-Architekt des frühen 20. Jahrhunderts, errichtete vor 100 Jahren das Unterwerk, über das der erste Strom in die städtischen Haushalte verteilt werden sollte. Heutzutage nutzt der Modelleisenbahn-Club (MEC) die leere Halle, um die Erinnerung an die heimische Industriekultur wach zu halten.

Der 1884 in Buxtehude geborene Issel hatte bis 1918 neben Kraftwerken und Straßenbahndepots Unterwerke in Hirschberg, Lauban, Niedersalzbrunn und Ruhbank errichtet. „Einen direkten Baustil verfolgte er nicht“, erklärt Andreas Döring vom MEC. „Seine Konstruktion war noch nicht das modernde Bauhaus, aber auch nicht mehr wilhelminische Neogotik mit Ecktürmchen.“

Bestimmte Einflüsse des frühen 20. Jahrhunderts, wie die rhythmische Fensterteilung, seien in dem Klinkerbau zu erkennen. Vor allem folgte der Entwurf den Anforderungen des technischen Innenlebens, das Walter Klingenberg konstruierte. 1918 ging das Unterwerk ans Netz.

Anbieter streiten sich um Stadthagen

Die erste elektrische Stromquelle am Georgschacht existierte aber schon 1904. „Damals wurde hier die E-Zentrale gebaut, in der zunächst Dampfmaschinen, später Dampfturbinen Elektrizität erzeugten“, recherchierte Döring. Damit wurden aber nur die Maschinen auf dem Zechengelände und eine Leitung nach Obernkirchen versorgt. 1906 formierte sich unter dem Namen „Die Interessierten“ eine Initiative mittelständischer Geschäftsleute, die ihren Anteil an der Stromversorgung einforderte.

„Dieser Zusammenschluss erhob massive Vorwürfe gegenüber der Stadt, dass zuviel Geld für soziale Aufgaben verschwendet wird, wie etwa für den Schulbesuch von Kindern aus armen Familien, während nichts im Sinn der lokalen Wirtschaft in die Infrastruktur investiert wird“, erklärt Döring. Trotz der aggressiven Lobby-Arbeit sollten zwischen Wunsch und Wirklichkeit noch zehn Jahre vergehen.

Zunächst gab es Überlegungen für eine E-Zentrale auf dem Hundemarkt. „Bei einer reichsweiten Ausschreibung kloppten sich alle namhaften Anbieter von Stromanlagen um Stadthagen“, berichtet Döring. Über Jahre zog sich der Schriftverkehr hin. 1911 fing die Verwaltung an, Voranmeldungen von den zukünftigen Abnehmern zu sammeln, um zu klären, wie viele Lampen in den Häusern leuchten sollen oder wie viele Pferdestärken Motorstrom die Firmen benötigen.

Ein Ring, um alles zu verbinden

Plötzlich tritt die Hofkammer auf den Plan: Bevor Stadthagen eine autarke Stromversorgung aufbaut und der Grafschaft der Profit durch Großkunden entgeht, will die Grafschaft die Angelegenheit von Bückeburg aus in die Hand nehmen und fragt umliegende Versorger an, die mit Großkraftwerken schon ganze Landkreise versorgen. „Das Elektrizitätswerk Minden-Ravensberg bekam den Zuschlag, weil die Grafschaft mit Preußen keinen Dissens hatte“, weiß Döring. Über eine Fernleitung sollte der Strom aus einem Kohlekraftwerk in Kirchlengern fließen. Für die Nahverteilung fehlte nun das Unterwerk, das wiederum das Ortsnetz über Transformatoren an der Loccumer, Habichhorster und Krebshäger Straße versorgen sollte. Eine Ringleitung stellte die Verbindung zwischen Georgschacht und Innenstadt her.

Mit der Schaltwärterwohnung kam zehn Jahre nach der Fertigstellung der erste Anbau hinzu. Dort war ein Ehepaar einquartiert, das sich Tag und Nacht den Dienst im Werk teilte. 1930 ergänzte ein neues Schalthaus mit Druckluftkompressor die Rückseite, wodurch die Stromleitungen nicht mehr über Schalträder an Marmorplatten per Hand bedient werden mussten. Den 2. Weltkrieg hat das Werk wie der Rest des Georgschachtes unbeschadet überstanden und blieb bis 1962 in Betrieb. Danach wurde für die erhöhte Spannung von 110000 Volt der Bau eines freistehenden Umspannwerkes an der Enzer Straße nötig. Eine Weile als reine Privatwohnung genutzt, landete das Gebäude schließlich 2004 unterm Hammer und wurde von der Stadt erworben. Im Gegensatz zu anderen Bauwerken Issels, die sich über ganz Deutschland verteilen, wurde das Relikt nie unter Denkmalschutz gestellt. geb

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