Volltextsuche über das Angebot:

9 ° / 7 ° Regen

Navigation:
Angekommen

Sascha Bahns Weg aus der Obdachlosigkeit Angekommen

 „Weihnachten war ein Tag wie jeder andere“, sagt Sascha Bahn. Er war das Alleinsein gewohnt. „Ich verspürte auch keine Melancholie. Ich habe Heiligabend einfach dort verbracht, wo ich gerade war.“ Zwei Jahre war Bahn ohne Obdach und ständig unterwegs.

Voriger Artikel
Eine tierisch schöne Bescherung
Nächster Artikel
Bewaffneter Überfall in Stadthagen

Sascha Bahn ist jetzt in Stadthagen zu Hause. 

Quelle: js

Stadthagen.. Wohnungslos nennt die deutsche Gesetzgebung diesen Zustand, den sich Bahn auf gewisse Weise bewusst ausgesucht hat. Doch der 39-Jährige wurde auch ein Opfer der Umstände.

Die Reise des heutigen Stadthägers beginnt in Haslach bei Freiburg. In einem Hotel im Schwarzwald wurde er zum Koch ausgebildet, doch Bahn zog es in die Welt. „Ich habe immer gern gezaubert“, sagt er. Der Baden-Württemberger fackelte nicht lange und machte sein Hobby zum Beruf. „Es lief richtig gut“, sagt er ein wenig wehmütig. Bundesweit sei er mit einem Programm aufgetreten.

Sein Weg führte ihn nach Bochum, zu einer Frau. Vor 15 Jahren wurde die gemeinsame Tochter geboren. Über eine Nebentätigkeit als Online-Redakteur bei AOL bekam Bahn eine Anstellung bei einer großen internationalen Nachrichtenagentur und verdiente „gutes Geld“, wie er sagt.

Doch der Job war hart. „Arbeitsbedingt habe ich oft nur wenige Stunden geschlafen“, erklärt er. Sein Körper zollte dem zunehmenden Stress Tribut. Neben immensen Rückenproblemen erlitt Bahn zwei Schlaganfälle.

Die gesundheitlichen Probleme zwangen ihn, als Aushilfskoch zu arbeiten. Als ihn kurze Zeit später seine Freundin verließ, stand Bahn vor den Trümmern seiner Existenz. Er wollte eine Unterkunft finden, um in der Nähe seiner Tochter bleiben zu können, „doch die Wohnungslage in Bochum war um 2010 herum einfach beschissen“, kommentiert er trocken.
Bahn sah keinen Ausweg mehr. Hilfe von der Familie konnte er nicht erwarten. Der Vater starb früh, mit seiner Mutter hatte er schon seit langer Zeit keinen Kontakt. Auch der Gedanke an seine Tochter konnte ihn nicht mehr halten, er wollte nur noch weg. „Ich hab mir ein altes Wohnmobil gekauft und bin einfach losgefahren.“

Ohne Ziel war er fortan auf den Straßen Europas zu Hause und lebte in seinem Auto. „Am Anfang war es ein unheimlich befreiendes Gefühl“, erinnert sich Bahn. Doch sehr schnell „tingelte ich mehr schlecht als recht mit meinen Ersparnissen durch die Gegend.“ Frankreich, Schweden, Italien und dazwischen immer wieder Deutschland. Geld verdiente er gelegentlich durch Aushilfsjobs in der Gastronomie. Außerdem fand man den Vater immer wieder in den Gassen der jeweiligen Städte, die er gerade besuchte. „Aber ich hatte nie einen Hut in der Hand“, sagt er. Auch mit Drogen oder Alkohol habe er nie Probleme gehabt. Stattdessen versuchte Bahn, Passanten mit kleinen Zaubershows zu begeistern.

Die Einkünfte schwankten: „Mal hatte ich 30, mal drei Euro am Tag.“ Gerade im Winter sei es schwer gewesen, wenn keine Passanten in den Städten unterwegs waren. Und nicht gerade jeder Gastronom stellt eine Aushilfe ohne gültige Papiere ein.

Als die finanziellen Reserven zur Neige gingen, war Bahn gerade in Stadthagen. „Ich hatte keinen Cent mehr in der Tasche und ich wusste nicht, wie ich etwas zu Essen bekommen sollte“, beschreibt er den Tiefpunkt seines Lebens. Von den Ämtern habe er schon vor seiner Flucht vor der Gesellschaft wenig Beihilfe erfahren. Dass ihm finanzielle Unterstützung zusteht, habe ihm niemand gesagt. „Dort gab es eine einfache Regel: ohne Wohnung kein Geld und ohne Geld keine Wohnung.“ Man habe ihm mehrmals geraten, ein Obdachlosenheim aufzusuchen. Doch das kam nicht in Frage: „Da ist der Platz unter der Brücke ein Traum dagegen“, ist sich Bahn sicher.

Durch Stadthagen streifend stand er plötzlich vor den Türen der Ambulanten Hilfe für Wohnungslose des Diakonischen Werkes in Stadthagen. „Dort wurde mir sofort geholfen. Ich fühlte mich verstanden.“ Die nötigen Formulare waren schnell gefunden, ebenso eine Wohnung. Gearbeitet hat Bahn im „Krumme 40“, dem Café der Ambulanten Hilfe. „Ich bin den Menschen dort über alle Maßen dankbar“, sagt er. Erstmals seit langer Zeit, fühlte sich Bahn wieder angekommen, fast heimisch.

In diesem Jahr sollte sich dieses Gefühl bestätigen. Bahn eröffnet das Laz Tapaz. Die Leidenschaft für Kulinarisches hat er während seiner Wohnungslosigkeit nie verloren und die gesammelten Erfahrungen, die er bei der Arbeit in unterschiedlichen Tapas-Bars sammelte, kamen dem Vorhaben zugute. „Es waren glückliche Umstände“, erklärt er. „Die Investitionsmenge war gering und die sonstigen Konditionen sehr günstig. Außerdem hat das Amt mich unterstützt.“

Rückblickend würde er anders handeln, sofort und hartnäckiger Hilfe suchen. Doch seine eigentümliche Flucht möchte er nicht aus dem Gedächtnis streichen. Auch mit seiner Tochter habe er wieder guten Kontakt, „auch wenn sie noch nicht alles versteht“. Der Gastronom habe gelernt, dass die Dinge oftmals komplizierter sind, als sie scheinen. „Ich sehe die Menschen heute aus einer anderen Perspektive. Viele können ihrem Schicksal nur bedingt entgegenwirken“, meint er. js

Hilfe für Wohnungslose

Die Ambulante Hilfe für wohnungslose Frauen und Männer des Diakonisches Werkes in Stadthagen unterhält ein Beratungsangebot für Personen, die direkt von Wohnungslosigkeit betroffen sind oder kurz davor stehen. Die Mitarbeiter an der Krummen Straße 40 begleiten Anträge nach Räumungsklagen, um Wohnungslosigkeit entweder direkt zu verhindern oder Obdachlosen eine neue Perspektive zu bieten. Das Café „Krumme 40“, welches sich unterhalb der Beratungsstelle befindet, dient als offener Treffpunkt. Die offene Sprechstunde der Ambulanten Hilfe ist am Montag, Dienstag, Donnerstag, Freitag 9.30 Uhr bis 13 Uhr und am Mittwoch 10 Uhr bis 12 Uhr.  js

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Möchten Sie uns zu diesem Artikel Ihre Meinung sagen? Dann schicken Sie uns einen Leserbrief.

Leserbrief schreiben

Unternehmen quer durch alle Branchen haben sich auch in diesem Jahr wieder an der Aktion der Lions Clubs beteiligt, deren Erlös auch der „Weihnachtshilfe“ der Schaumburger Nachrichten zugute kommt. Hier finden Sie ab dem 1. Dezember die täglich aktuellen Gewinnnummern. mehr

In Ruhe einkaufen, erholsam Urlaub machen, in die Stadtgeschichte eintauchen oder einfach mal in einem der vielen Restaurants und Kneipen die Seele baumeln lassen. Lernen Sie Stadthagen von einer ganz anderen Seite und auf ganz besondere Weise kennen. mehr

Schaumburg