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Stadthagen Stadt Auch Hebammen halfen zu töten
Schaumburg Stadthagen Stadthagen Stadt Auch Hebammen halfen zu töten
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13:50 08.04.2015
Das „Alte Zuchthaus“ in Brandenburg an der Havel wird zur Gedenkstätte für die Opfer der Euthanasie-Morde umgebaut. Bis Oktober 1940 wurden hier mehr als 9 000 Menschen aus psychtrischen Krankenhäusern und Fürsorgeeinrichtugen ermordet. Auch ein Kind aus Schaumburg kehrte nie wieder aus Brandenburg zurück. Quelle: dpa

Stadthagen. Andreas Kraus vom Förderverein ehemalige Synagoge Stadthagen, Dr. Hedwig Pietsch, ehemalige Leiterin des Gesundheitsamtes, und Oberstaatsanwalt a.D. Bodo Becker haben alte Akten der Gesundheitsämter durchforstet, um eine Antwort auf die Frage zu finden: Wieviele Menschen wurden in der Zeit des Nationalsozialismus in Schaumburg zwangssterilisiert?

Das vorläufige Ergebnis ist erschütternd: Im Krankenhaus Stadthagen seien rund 300 Menschen zeugungsunfähig gemacht worden, weil die Nationalsozialisten durch ihren Nachwuchs eine Schädigung des „gesunden Volkskörpers“ befürchteten, berichtet Andreas Kraus. Im Krankenhaus Rinteln seien sogar 500 Menschen ohne ihr Wissen oder gegen ihren Willen operiert worden.

Zwar sei die „Auslöschung lebensunwerten Lebens“ damals eine weltweit verbreitete Überlegung gewesen, so Pietsch, aber niemand habe es derart systematisch in die Tat umgesetzt, wie die Deutschen im Dritten Reich.

Auch in Stadthagen sind hunderte Verbrechen unter dem Vorwand der „Rassenhygiene“ verübt worden. Kraus hatte vor dem Beginn der Recherche mit 30 Fällen gerechnet. Dass es mehr als zehnmal soviele Opfer allein in Stadthagen gab, erschüttert den Lehrer des Ratsgymnasiums, der die Forschungsergebnisse im Rahmen einer Veranstaltungsreihe zum Thema „Eugenik und Euthanasie im Nationalsozialismus“ im Wilhelm-Busch-Gymnasium und im Rintelner Gymnasium Ernestinum im September präsentieren wird.

1934 wurden die staatlichen Gesundheitsämter in Stadthagen und Rinteln eingerichtet, mit dem Schwerpunkt Erbgesundheitsfragen. Das mit der NS-typischen Terminologie bezeichnete „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ fand seine Umsetzung durch ein Überwachungssystem, in dem die Akteure aufgefordert waren, dem Gesundheitsamt jeden Verdacht auf „angeborenen Schwachsinn“, psychische Erkrankungen oder Erbkrankheiten zu melden. Hebammen erhielten zwei Mark Prämie, wenn sie ein behindertes Kind meldeten.

Ein Blick auf die Fälle in Stadthagen zeigt jedoch, dass die Gesundheitsämter bei der Zwangssterilisation große Willkür walten ließen. „Mit sogenannten Sippschaftstafeln wurde nach Erbgesundheitserkrankungen bei den Vorfahren gesucht. Da reichte schon ein Satz wie: ,Die Schwester des Vaters war wunderlich‘“, erzählt Pietsch. Im Fall einer 16-Jährigen seien die Lehrer gefragt worden, ob die Schülerin einen sittlichen Lebenswandel führe.

Einem Steinbrucharbeiter wurde seine Alkoholabhängigkeit zum Verhängnis, einem promovierten Juristen sein Einsatz für das Vaterland. „Der Mann aus Schaumburg wurde wegen angeblicher Erbblindheit zwangssterilisiert. Dabei hatte er sich im Ersten Weltkrieg eine Augenverletzung zugezogen“, berichtet Kraus. Zufälligerweise galt der Jurist als „politisch unzuverlässig“.

Bei ihren Recherchen sind Kraus, Pietsch und Becker auch auf die Fälle zweier Kinder aus Schaumburg mit Down-Syndrom gestoßen, die im Alter von ein bis zwei Jahren in Heilanstalten nach Brandenburg und Detmold gebracht wurden. „Man hat den Eltern erzählt, dass dort ihren Kindern geholfen würde. Nach drei Monaten kam der Bescheid ans Gesundheitsamt Stadthagen, dass die Kinder gestorben sind“, erzählt Kraus.

„Beide Heilanstalten hatten Tötungsabteilungen.“ Dabei seien die Verantwortlichen jedoch vorsichtig vorgegangen, „eine direkte Tötung wäre eine Grenzüberschreitung gewesen“. Stattdessen ließ man die Kinder in unbeheizten Räumen bei geöffneten Fenstern schlafen – auch im Winter. Häufige Todesursache war Lungenentzündung.

Auch wenn das dreiköpfige Team bereits viele Erkenntnisse gewonnen hat, ist die Gruppe nach eigenen Angaben nicht in der Lage, belastbare Statistiken über das Thema „Eugenik und Euthanasie in Schaumburg“ vorzulegen. Kraus: „Das hätte den Umfang einer Doktorarbeit. ber