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Auf Schienen zum Markt

Mit Pferdebahn Auf Schienen zum Markt

Mit Rucksack und Koffer vom Bahnhof in die Innenstadt zu pilgern, das ist ein langer Fußweg: 1,5 Kilometer. Der Reisende nutzt heute gern ein Taxi. Dieses Beförderungsmittel stand Ende des 19. Jahrhunderts noch nicht vor dem Bahnhof.

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Der „Dicke Friedrich“ kutschierte die Pferdebahn.

Quelle: pr.

Stadthagen. Vielmehr nahm ein Waggon die Gäste auf, gezogen von einem Pferd. Das Besondere: Der Wagen rollte auf Schienen. Von 1897 bis 1930 unterhielt die Firma Ruhe eine der ersten Pferdschienenbahnen in Deutschland. Dann begann die Ära der motorisierten Omnibusse.

Christian Ruhe, der aus dem Harz nach Stadthagen gekommen war, betrieb im Städtchen ein kleines Fuhrgeschäft. Ein zweispänniger Omnibus mit Vor- und Hinterperron und zwei Längsbänken in der Mitte verkehrte als erster Linienverkehr zwischen Bahnhof und Markt. Allerdings: Der Zustand des unbefestigten Bahnhofsweges war schlecht.

Fahrgäste "durchgeschaukelt"

Die Fahrt zum Bahnhof, beschrieb 1970 die HAZ, habe einer Schiffsreise geglichen, „so wurden die Fahrgäste durchgeschaukelt“. Abhilfe wurde geschaffen und der Bahnhofsweg gepflastert. Nun hieß die Verbindung zwischen Bahnhof und Stadt Bahnhofstraße. Und: In die Pflasterung wurden Schienen gelegt.

Der damalige Bürgermeister hatte Christian Ruhe dazu überredet, eine Schienenpferdebahn zu bauen. Diese wurde unter dem Jubel der Bevölkerung 1897 eingeweiht. Als eine der ersten Städte in der Region besaß Stadthagen eine Straßenbahn. Nur in Hannover und Minden gab es so ein fortschrittliches Verkehrsmittel.

Mit einem PS ging es zwischen Bahnhof und Markt hin und her, Fahrzeit jeweils sechs Minuten. Die Bahn besaß nur eine einzige Weiche und zwar als Abzweig ins Depot. Eine Ausweichmöglichkeit war schlicht nicht erforderlich. Die Pferdebahn wurde ein Erfolg, 1909 wurde ein größerer Wagen angeschafft. Die Zügel hielt Friedrich Schoppman in der Hand, der erste und beliebteste Schaffner der Pferdebahn.

Stillegung 1930

Die gute alte Zeit der Pferdebahn ging bald zu Ende. Den Ersten Weltkrieg und die Zeit der Inflation überlebte das Fuhrunternehmen Ruhe mit Mühe und Not. Am 20. Juli 1930 wurde die Pferdebahn stillgelegt, drei Jahr später verschwanden die Schienen. Das Unternehmen Ruhe florierte später wieder, wurde zum modernen Reiseunternehmen.

Und auch der Wagen der Pferdebahn entging der „Mottenkiste“. Er wurde an die Spiekerooger Inselbahn verkauft und stand dort noch bis 1971 im Betrieb. Als Modell, gebaut vom Stadthäger Karlheinz Poll, blieb der Waggon Stadthagen erhalten und ist heute im Museum Amtspforte zu sehen. sk

So viel Zeit muss sein

Der „Dicke Friedrich“ konnte damals trotzt Fahrplan auf individuelle Wünsche der Fahrgäste Rücksicht nehmen. Davon berichtet eine Anekdote, veröffentlich 1953 im General-Anzeiger: An einem sonnigen Tag steht der „Dicke Friedrich“ mit seinem Gefährt fertig zur Abfahrt auf dem Markt. Es nähert sich ein angesehener Bürger der Stadt und bittet, einen Augenblick mit der Abfahrt zu warten; er wolle sich noch schnell rasieren lassen. Friedrich brummelt sein Einverständnis.

Es wird allerdings höchste Zeit, als er mit dem „Frischrasierten“ zum Bahnhof fährt. In letzter Minute wird der Zug nach Bückeburg erreicht. Am späten Nachmittag kommt der Fahrgast aus der damaligen Residenzstadt zurück. Aber diesmal hat er Zeit, will sich den Groschen für die Pferdebahn sparen und schlägt den Weg in die Stadt zu Fuß ein. Das ärgert den „Dicken Friedrich“. Enttäuscht und beleidigt fährt er los und lässt den Fuchs vor dem Wagen flott traben.

Als er den Fußgänger an der Windmühlenstraße einholt, ruft er dem Pferd laut zu: „Voß, wat löpste denn sau? Jont doch langsam! Wi sint jo nu raseert.“ (Fuchs, was läufst denn so? Geh doch langsam! Wir sind ja nun rasiert.) sk

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