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Stadthagen Stadt Behandlung mit Hindernissen
Schaumburg Stadthagen Stadthagen Stadt Behandlung mit Hindernissen
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00:20 17.03.2019
Apotheker Nikolas Schäfer hat einige Kunden, die er mit Cannabis und daraus hergestellten Arzneimitteln versorgt. An diese zu kommen, ist nicht immer ganz leicht – weder für den Kunden, noch für Schäfer selbst. Quelle: rg
Stadthagen

Vor gut zwei Jahren, im Januar 2017, hat der Bundestag in seinem Gesetz „Cannabis als Medizin“ eine Verbesserung der Versorgung von schwerkranken Patienten mit Cannabis beschlossen. Schon seit Längerem können sich Menschen, die an Rheuma, Neuropathien, Multipler Sklerose, Epilepsie oder unter einer Querschnittslähmung leiden, von einem Arzt ein cannabishaltiges Mittel verschreiben lassen. Hinzu kommt nun die Möglichkeit einer Therapie mit reinen Cannabisblüten – allerdings nur unter bestimmten Voraussetzungen, erklärt Nikolas Schäfer, Apotheker und Inhaber der Neuen Apotheke in Stadthagen.

Cannabis-Patienten sind vergleichsweise jung

In seiner Filiale würden momentan drei Patienten regelmäßig mit Cannabis und daraus hergestellten Arzneimitteln versorgt werden. Dies seien vergleichsweise junge Menschen im Alter zwischen 30 und 50 Jahren. Sie würden die Mittel aufgrund von chronischen Schmerzen, Verkrampfungen der Muskulatur oder wegen Depressionen nehmen. In der Echtern-Apotheke, die seine Ehefrau leitet, würden circa zehn Kunden mit einem Cannabismedikament behandelt werden, darunter einige Krebspatienten. Denn: Auch HIV- und Krebspatienten, die unter Appetitlosigkeit und Übelkeit leiden, können mit cannabishaltiger Medizin therapiert werden.
Generell, so Schäfer, werde das Angebot voll ausgeschöpft. Schon vor der Einführung des Gesetztes habe er die Möglichkeit gehabt, Cannabis an seine Kunden abzugeben. Dafür habe er eine Sondererlaubnis gebraucht und melden müssen, welcher Patient zu welchem Zeitpunkt welches Medikament bekam. Nach der Novellierung seien viele Kunden und auch Ärzte auf ihn zugekommen, um sich nach den neuen Regelungen zu erkundigen.

Hohe Hürden vor der Behandlung

Vor Beginn jeder Behandlung müsse diese erst einmal von der Krankenkasse des Patienten genehmigt werden, erklärt Schäfer. Dafür verantwortlich sei der Medizinische Dienst der jeweiligen Krankenkasse. „Der kontrolliert, ob der Patient auch tatsächlich austherapiert ist und Cannabis bekommen darf“, so der Apotheker. Vielen seiner Kunden sei die Behandlung in der Vergangenheit nicht erlaubt worden. In einem konkreten Fall sei der Grund dafür gewesen, dass zuvor nicht alle möglichen Therapien ausprobiert worden waren. Im gut begründeten Einzelfall müsse das aber auch nicht unbedingt passieren.

Die Kostenerstattung, so Schäfer weiter, musste im ersten Zeitraum nach dem Inkrafttreten des Gesetzes vom Patienten beantragt werden, inzwischen übernehme diese Aufgabe der jeweilige Arzt.

Medizinisches Cannabis im Straßenverkehr?

In Apotheken gibt es neben reinen, getrockneten Cannabisblüten noch drei verschiedene Mittel: Die Fertigarzneimittel Canemes und Sativex, die von den Apothekern nicht weiter verarbeitet und an den Kunden direkt weitergegeben werden können, sowie das Rezepturmittel Dronabinol, welches das Harz der getrockneten Cannabisblüte enthält und in der Apotheke als Rezeptur zu Kapseln oder öligen Tropfen verarbeitet wird.
Vom Autofahren nach Einnahme der Medikamente rät Schäfer ab. „Es ist nicht prinzipiell verboten, aber das Urteilsvermögen kann eingeschränkt sein.“ Der Patient müsse seine Fahrtüchtigkeit je nach Lage beurteilen und einschätzen. Bei einigen TÜV-Prüfstellen sei es möglich, dies auch fachmännisch überprüfen zu lassen. „Somit kann man sich zumindest rechtlich absichern.“ Gerade für seine berufstätigen Kunden sei der Verzicht auf das Auto aber natürlich mehr als problematisch.

Jeder Patient sollte sich darüber im Klaren sein, dass die eingenommenen Medikamente von Mensch zu Mensch unterschiedlich wirken und unter Umständen auch unerwünschte Nebenwirkungen mit sich ziehen, rät der Experte. Viele Patienten seien enttäuscht, wenn nicht die erwünschte Wirkung eintrete. Seine Kunden hätten aber noch nicht über nennenswerte Nebenwirkungen geklagt, meint Schäfer. Auch sei der Gebrauch von Cannabis im medizinischen Bereich in der Gesellschaft inzwischen akzeptiert – auch von Seite der Ärzte.

Apotheker Schäfer befürwortet einfacheren Zugang

Kritik äußert Schäfer am Verfahren, wie entschieden wird, wer mit Cannabis behandelt werden darf. Der Weg dahin sei „holprig“. Die Entscheidungen der Krankenkassen erschienen oft willkürlich. „Es ist nicht immer klar, nach welchen Kriterien entschieden wurde.“ Der Zugang sollte unbedingt einfacher werden, findet Schäfer.

Problematisch seien auch Lieferengpässe. „Eine Lagerung in der Apotheke ist nicht erlaubt“, erklärt Schäfer – was auch gut so sei, weil sonst wahrscheinlich andauernd bei ihm eingebrochen werden würde. Wenn bestimmte Stoffe nicht geliefert werden könnten, mache das die Sache aber schwierig. Grundsätzlich, findet der Apotheker, sei es auch richtig, dass die Rezepte nur eine Woche lang gültig sind. Das helfe dabei, dem Missbrauch der Medikamente vorzubeugen.

Von Juliane Schwarz