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Bis zum letzten Brötchen

Rückgang der Handwerksbäckereien Bis zum letzten Brötchen

Es sind keine guten Zeiten für Bäcker in der Kreisstadt. Von den Markt dominierenden Filialisten ist mit Petersen eine weitere Kette aus dem Angebot verschwunden (wir berichteten).

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In Stadthagen gibt es noch zwei Handwerksbäckereien.

Quelle: rg

STADTHAGEN. „Hier geht alles den Bach runter“, klagt Klaus Lohmeier. Für die wirtschaftliche Lage Stadthagens sieht der Handwerksbäcker generell schwarz. Als er 1956 seine Lehre begann, habe es hier noch 22 Bäckereien gegeben. „In unserem Betrieb waren zehn Bäcker beschäftigt, jetzt habe ich nur noch einen Helfer in der Backstube“, sagt Lohmeier. Mehr Kräfte brauche er nicht unbedingt, muss dafür aber auch öfter selbst ran.

Die größere Nachfrage an Markttagen bemerke Lohmeier in seinem Laden an der Niedernstraße sofort, den Rest der Woche und besonders während der Urlaubszeit fahre der Betrieb auf Sparflamme. „Man muss eben mitdenken“, sagt der Bäcker. Besonders die Stammkunden ziehen nach seiner Einschätzung immer noch handwerkliche Qualität dem Billigbrötchen vor und kaufen bewusst ein. „Aber manchen ist völlig egal, was sie essen“, meint Lohmeier.

Handwerksbäcker haben es nicht leicht

Die geänderten Nahrungsgewohnheiten sind auch Bäcker Michael Wagner aufgefallen: „Früher hat die Familie abends zusammen ein ganzes Brot gegessen und es gab Schulbrote für die Kinder. Heute bekommen die Kinder ihr Essen in der Kantine oder dem Schulkiosk.“ Die ältere Generation lege noch wert auf das altbewährte Brot, während die Jungen alles mit einem Einkauf im Supermarkt erledigen wollen. Auszubildende gibt es in Wagners Betrieb an der Goethestraße gar nicht mehr, seine acht Angestellten sind überwiegend Teilzeitkräfte.

Was an individueller Kundschaft fehlt, versucht Wagner über Großkunden auszugleichen. „Über gute Konditionen bei Lieferungen für Altenheime, Kantinen oder Restaurants habe ich mir mein zweites Standbein erarbeitet. Allein mit dem Laden könnte ich nicht überleben“, so Wagner. Eine Filiale in Lauenhagen hatte er zum Jahresende aufgeben müssen (wir berichteten).

Fritz Pape von der Kreishandwerkerschaft beobachtet schon länger einen wirtschaftlichen Trend: „In Stadthagen haben wir im Vergleich zu anderen Städten das Phänomen, dass fast nur große Ketten vertreten sind.“ Fünf Betriebe seien in den vergangenen in den zurückliegenden 15 Jahren aus der Kreisstadt verschwunden. Der Großbäcker habe den wirtschaftlichen Vorteil, mit einer Produktionsstätte mehrere Ladenlokale bei geringen Mietkosten unterhalten zu können, während der Handwerksbäcker verhältnismäßig mehr aufbringen müsse, um beides unter einen Hut bringen zu können, vermutet der Kreisgeschäftsführer.

Ketten entziehen Handwerk den Boden

Weiter verschärfe sich der Konkurrenzkampf wegen des Supermarkangebots. „Das Klientel, das wirklich nur nach dem Preis einkauft, wird immer ins SB-Regal greifen. Da kann auch ein Filialist wie Petersen nicht mehr mithalten“, so Pape. Für Handwerksbäcker sei es praktisch aussichtslos, überhaupt unter dem Dach großer Supermarktketten unter zu kommen. So vergebe Edeka beispielsweise Plätze vorzugsweise an Schäfer, die eigene Bäckerei-Kette.

„Über die Ausbreitung der Ketten wird dem Handwerk der Boden entzogen“, beklagt auch Innungsmeister Walter Hardekopf, der mittlerweile für Fleischer und Bäcker sprechen muss. Selbst für halbwegs wirtschaftliche Familienbetriebe finde sich selten eine Nachfolge, weil die Nachkommen darin keine Perspektive für ein ertragreiches Geschäft mehr sehen. Für die Filialisten sei wiederum die Abhängigkeit von den Supermarktöffnungszeiten ein Problem, weil sie für so eine lange Dauer nicht genug Umsatz erzielen können. geb

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