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Brauerei praktisch unverkäuflich

Stadthagen Brauerei praktisch unverkäuflich

Welches Ziel verfolgt Brauereibesitzer Friedrich-Wilhelm Lambrecht? Wie groß ist seine Verantwortung für die Misere? Steckt Kalkül dahinter, oder hat er sich schlicht übernommen? Fragen, die nicht nur die unter der erneuten Insolvenz leidende Belegschaft bewegen. Auch Branchenfachleute rätseln.

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Stadthagen. Es ist vor allem die komplizierte gesellschaftsrechtliche Gemengelage, die die Situation so undurchschaubar macht. Denn Lambrecht hat in seinem Unternehmensgeflecht gleich mehrere Hüte auf – mit weitreichenden Konsequenzen. Schaumburger Privat-Brauerei GmbH Brauerei Lambrecht GmbH & Co. KG

Um zu verstehen, muss man die Zusammenhänge im Detail kennen: Anfang August 2013 meldet die von Lambrecht als Geschäftsführer geleitete Insolvenz an. In ihr ist der reine Braubetrieb konzentriert – im Wesentlichen aber das dafür erforderliche Personal. Unter dem Dach der parallel existierenden ist hingegen bis heute alles vereint, was den eigentlichen Wert des Unternehmens ausmacht: Immobilien, Anlagevermögen und die verschiedenen Rechte an der Marke „Schaumburger“. Die KG war 2013 nicht von der Insolvenz betroffen – und ist es auch jetzt nicht. Schaumburger Private Braumanufaktur GmbH

Nach zweijähriger Insolvenzdauer übernimmt Lambrecht im Herbst dieses Jahres wieder das Ruder beim inzwischen – auch dank eines Personalabbaus – von vielen finanziellen Altlasten befreiten Braubetrieb. Das Ganze erfolgt in neuer gesellschaftsrechtlicher Konstellation. Dafür gründet Lambrecht die . Diesmal ist er alleiniger Gesellschafter, nachdem ihm an der insolventen Schaumburger Privat-Brauerei GmbH nur ein Anteil von 40 Prozent gehört hat. 60 Prozent hielt dort sein Vater.

Daneben soll Lambrecht junior nach SN-Informationen in der Phase der Insolvenz noch eine Reihe weiterer Firmen gegründet haben. Zu welchem Zweck ist unklar.

Die zweite Insolvenz – beantragt am 25. November dieses Jahres und damit nicht mal drei Monate nach dem Neustart – betrifft die gerade gegründete Schaumburger Private Braumanufaktur GmbH als neu firmierenden Braubetrieb. Die KG – sie ist abermals außen vor.

Wie schon in der ersten Insolvenz dürfte es auch diesmal kaum möglich sein, einen Übernehmer für die von Zahlungsunfähigkeit bedrohte GmbH zu finden. Denn: Ohne gleichzeitigen Zugriff auf die Vermögenswerte der KG ist die Brauerei-GmbH nach Einschätzung von Branchenkennern nahezu wertlos.

Schließlich sind Immobilien, Anlagevermögen, Namens- und Markenrechte weiter in Familienhand. Um Bier brauen zu können, müsste ein Käufer die Gebäude mit Sudhaus und Abfüllanlage von der KG anmieten. So wie es Lambrecht in seiner Funktion als GmbH-Geschäftsführer jahrelang getan hat. Doch in seinem Fall wanderte die Pacht von der linken in die rechte Tasche.

Selbst wenn man diese Problematik ausklammert, bliebe ein Übernehmer beim Kauf der insolventen GmbH von Lambrecht abhängig: Denn ohne die ihm gehörenden Namens- und Markenrechte (erst im vergangenen Monat wurde die neue Marke „Erntedank“ eingetragen) lässt sich kein Bier unter der Bezeichnung „Schaumburger“ herstellen oder vertreiben. „Ein gordischer Knoten […], den auch der vormalige Insolvenzverwalter Sascha Bibiha nicht zerschlagen“ konnte, urteilt das Münchener Fachblatt „Inside – Getränke“, das die Krise der Schaumburger seit Monaten aufmerksam verfolgt.

Auch für den Bückeburger Unternehmensberater Hans Ulrich Gräf, der nach eigenen Angaben vergeblich versucht hat, im Auftrag von potenziellen Investoren mit Lambrecht ins Gespräch zu kommen, steht fest: „So ist das Unternehmen praktisch unverkäuflich.“

Für Kopfschütteln sorgt bei Beobachtern der von Lambrecht wiederholt als Auslöser der neuerlichen Krise angeführte Investitionsstau. Mindestens 400.000 Euro müsse in die Ertüchtigung der Abfüllanlage investiert werden. Geld, das die Braumanufaktur derzeit nicht aufbringen könne, wie er sagt.

Doch weshalb sollte sie auch? Schließlich gehört die Abfüllanlage zum Anlagevermögen und somit zur „gesunden“ KG. Schon als Lambrecht vor vier Wochen bekannt gab, künftig bei der Westheimer Brauerei im Sauerland abfüllen zu wollen, nannte das Branchenblatt „inside“ die Begründung „pikant“. Sie werfe die Frage auf, „wo sich die ganzen Investitionen gestaut haben, bevor Insolvenzverwalter Sascha Bibiha seinerzeit händeringend nach einem Käufer suchte“.

Auch der Betriebsrat hat nach Worten seines Vorsitzenden Fritz Sölter über Jahre immer wieder beim KG-Geschäftsführer Friedrich-Wilhelm Lambrecht Investitionen in die überalterte Technik angemahnt – weil sich der GmbH-Geschäftsführer Friedrich-Wilhelm Lambrecht für nicht zuständig erklärt habe. „Passiert ist nichts“, beklagt Sölter Versäumnisse der Vergangenheit. Und auch Bibihas Kanzleikollege Stephan Höltershinken legt den Finger in dieselbe Wunde: „Herr Lambrecht muss sich die Frage gefallen lassen, was er über Jahre mit den monatlich fünfstelligen Pachtbeträgen gemacht hat.“

Nur spekulieren lässt sich auch, warum Lambrecht die Brauerei überhaupt noch einmal übernommen hat. Als langjähriger Unternehmenslenker und in Doppelfunktion Verantwortlicher für GmbH und KG muss er um das Risiko der teilweise sanierungsbedürftigen Technik gewusst haben. „Vielleicht war er einfach zu naiv und hat gehofft, dass er es noch mal hinbekommt“, sagt jemand aus seinem Umfeld. Möglicherweise haben aber auch die weniger Wohlmeinenden Recht, die glauben, dass die Insolvenz gewollt oder mehr noch, geplant war.

Was wird aus dem „Schaumburger“, falls auf St. Annen endgültig die Lichter ausgehen? Könnte Lambrecht oder ein Dritter das Bier womöglich nicht nur woanders abfüllen, sondern sogar „fremdbrauen“?

„Aussichtslos“, heißt es in der Branche. In einem solchen Fall müsse das Bier entsprechend gekennzeichnet werden. „Und wenn die Kunden das wissen, kauft es keiner mehr.“ Für den regionalen Absatz sei es wichtig, dass ein Bier vor Ort entsteht. Andernfalls sei das der Tod für jede Marke, ist ein Münchener Biermarkt-Experte überzeugt. mf

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