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Stadthagen Stadt Dem Holocaust ins Gesicht geblickt
Schaumburg Stadthagen Stadthagen Stadt Dem Holocaust ins Gesicht geblickt
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22:26 19.09.2011
Der mittlerweile 85-Jährige kann auf ein bewegtes Leben zurückblicken. Die Zuschauer zeigen sich Montagabend beeindruckt. Quelle: par
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Stadthagen (par). Die aufmerksamen Zuhörer lernten einen sympathischen, witzigen und mit jeder Menge Lebenserfahrung ausgestatteten Menschen kennen, der wusste, wann er sich auch mal einen kleinen Spaß erlauben konnte. „Übersetzt er auch richtig?“, fragte er einen der beiden Dolmetscher schmunzelnd, als sein Kollege etwas ins Stocken geriet. Die Sympathien des Publikums, das ihm mehr als zwei Stunden förmlich an den Lippen hing, waren ihm sicher.

Sichtlich erfreut zeigte sich Friedrich Lenz, Vorsitzender der GEW Schaumburg, im Vorfeld der Veranstaltung. „Es war noch nie so leicht, einen Prominenten nach Stadthagen zu bekommen – Claude Lanzmann hat keine Sekunde gezögert, als wir bei ihm angefragt haben“, sagte er. Auch Bürgermeister Bernd Hellmann war stolz, eine derartige Persönlichkeit in der Kreisstadt begrüßen zu dürfen. „Es ist sehr wichtig, Erinnerungen an jüngere Menschen weiterzugeben.“

Der Franzose erzählte anfangs von den Erfahrungen seiner Jugendzeit. „Es fällt mir schwer über diese Zeit zu reden, da ich nicht weiß, wann meine Jugend eigentlich aufgehört hat“, sagte er. Lanzmann erzählte von seiner Kindheit in Frankreich, von auf Latein geschrieben Briefen an die Großmutter, seinem geliebten Hund und der Einberufung seines Vaters, der im Zweiten Weltkrieg gekämpft hat. Auf diese Weise konnten sich die Zuschauer ein Bild vom privaten Claude Lanzmann machen, den man in der Öffentlichkeit häufig nur als Regisseur des Films „Shoah“ und als guten Freund Jean-Paul Sartres kennt.

Brisant wurde es, als die Schüler das erste Mal das Mikrofon ergriffen. Detailliert ging der 85-Jährige auf die Frage ein, wie die Vorbereitungen für seinen viel diskutierten Film „Shoah“ aussahen. Insgesamt zwölf Jahre habe er an diesem Projekt gearbeitet. „Das war eine ganz besondere Zeit in meinem Leben – es war so, als wäre die Zeit regelrecht stehen geblieben“, bilanzierte er. Die Fertigstellung sei eine Erlösung gewesen.
Bereitwillig gab es Auskunft über seine Erfahrungen sowohl mit Opfern als auch Tätern des Holocausts. „Ich wollte sie töten – mit der Kamera“, antwortete Lanzmann trocken auf die Frage, wie er sich gefühlt hat, als ihm ein SS-Scherge gegenübersaß. „Ich habe sogar mit ihnen zu Mittag gegessen. Mein Aufnahmeleiter, dessen Vater in einem Konzentrationslager starb, konnte nicht begreifen, wie ich so freundlich bleiben konnte – ich auch nicht.“

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