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Stadthagen Stadt Der fleißige Mikrokosmos
Schaumburg Stadthagen Stadthagen Stadt Der fleißige Mikrokosmos
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17:21 21.02.2018
Die Krumme Straße in Richtung Stadtmitte um 1900: Kutschwagen, wie vor dem Gasthaus Heierding auf der rechten Seite, gehörten noch über Jahrzehnte zum Straßenbild. Quelle: pr.
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Stadthagen

 „Noch bis vor 30 Jahren gab es dort alles für den täglichen Bedarf zu kaufen“, erinnert sich der frühere städtische Hauptamtsleiter Fritz Wehling.

 „Die Menschen trafen sich auf der Straße und tauschten sich aus. Es war eine homogene Nachbarschaft.“ Schmiede, Schuhmacher, Schneider, Vieh- und Eisenwarenhändler produzierten und handelten ihre Waren. „Bäckereien, Metzgereien und Kneipen gab es gleich mehrfach“, ergänzt Wehling.

Als typische Familienbetriebe hatten die meisten ihren Laden im Erdgeschoss an der Straßenseite, die Werkstatt rückwärtig und ihre Privatwohnungen in den Stockwerken darüber.

 Ein Meister seines Fachs

Der Geigenbauer Heinrich Schnier konnte sich weit über die Grenzen Schaumburgs hinaus einen Namen machen. Schließlich war Schnier der einzige Meister seines Fachs zwischen Bielefeld und Hannover.

Der gebürtige Stadthäger hatte sein Handwerk zwischen 1926 und 1934 bei dem Geigenbauer Karl Bernhard in der Kreisstadt gelernt. Am Konservatorium Hannover übte sich Schnier danach als Cellist und Klarinettist. 1945 gründete er seinen eigenen Betrieb im Haus Nummer 34 und verbrachte dort bis zu zehn Stunden am Tag allein an der Werkbank.

Seine Instrumente fertigte Schnier aus raren Hölzern wie kroatischem Ahorn, Bukowinafichte und Ebenholz und verwendete dafür nicht mehr als sein Handwerkzeug.

 Kein Interesse für Vaters Handwerk

Als die Stadthäger Gymnasien Anfang der fünfziger Jahre wieder anfingen, die Musik zu fördern, erlebte der Betrieb seinen Aufschwung. In späteren Jahren lebte Schnier vor allem von der Reparatur, nur zwei Instrumente pro Jahr fertigte er noch selbst.

Diese waren aber von Bremen bis Berlin gefragt, manche fanden ihren Weg in die Schweiz oder die Türkei. Trotz seines Renommees zeigten die Söhne des Geigenbauers kein Interesse für dessen Handwerk und die Produktion der edlen Streichinstrumente mit dem Siegel „HS“ fand in den achtziger Jahren ihr Ende, Schnier verstarb 1994.

 Auch die Backwaren von Max Richardt waren buchstäblich in aller Munde. Der 1898 geborene Richardt hatte im väterlichen Betrieb in Minden gelernt und nach dem Ersten Weltkrieg in Bäckereien in Stadthagen und Nienstädt gearbeitet.

Im Haus seines Schwiegervaters (Nummer 33) machte er sich 1927 selbstständig. Von dort fand das frische Brot aus der Backstube per Pferdewagen seinen Weg zu den Kunden. Daraus entwickelte sich bis Ende der 1970er Jahre ein Betrieb mit 25 Mitarbeitern und drei Filialen, inklusive des Café Möhling am Markt.

 Schleichender Wandel

Dem schleichenden Wandel, der in den achtziger Jahren einsetzte, konnte sich der Familienbetrieb in der vierten Generation wie die meisten anderen nicht entziehen. „Viele Handwerker gaben damals auf, weil sie keine Nachfolge finden konnten.

Die Traditionsbetriebe mussten notgedrungen verkaufen“, erklärt Wehling. „Eine echte Chance, die neuen Ansiedelungen an der Straße zu steuern, hatte die Stadtverwaltung nicht.“ Nachkommen der ersten Gastarbeiter-Generation nutzten die Chance und siedelten sich dort an.

Nurettin Barut hatte seine türkischen Backwaren schon seit 1989 zunächst in Lindhorst, später an der Enzer Straße verkauft und übernahm 2005 eine Bäckerei, die einige Eigentümerwechsel hinter sich hatte. „Damals waren fast alle Geschäfte leer. Einige Händler hatten ihr Glück versucht, waren aber gescheitert“, erinnert sich der 46-Jährige.

 Auch wenn Barut noch heute auf seine Stammkunden zählen kann, fehlen ihm echte Kundenmagneten und mehr Leben auf der Straße. „Spielhallen, Wettbüros, ein türkisches Café neben dem anderen – das stört mich schon manchmal“, sagt der Bäcker.

Seitdem die Stadt drei Immobilien an der Straße gekauft hat, wartet Barut auf den großen Wurf. „Diese Gebäude und noch ein paar weitere sollten abgerissen werden, um Platz für ein neues Einkaufszentrum mit gebührenfreien Parkplätzen zu machen. Damit könnten wir das Quartier retten.“ geb

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