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Der verstoßene Sohn

Stadthagen Der verstoßene Sohn

Eigentlich hatte Claus-Hermann Vollstedt im Nachlass seiner Eltern eine Geige gesucht. Auf der Suche danach fand er in den achtziger Jahren auf dem Dachboden seines Elternhauses zwar kein Musikinstrument, dafür aber, versteckt unter Heu und Stroh, eine ominöse Kiste. Als Vollstedt deren Inhalt prüfte, stand für ein paar Sekunden die Welt still.

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Claus-Hermann Vollstedt hofft, dass sein Vater ihm ähnlich sah.

Quelle: pr.

Stadthagen. „Meine Empfindungen trafen mich wie ein Blitzschlag“, sagt er. Der heutige Rentner hatte soeben erfahren, dass er adoptiert ist.

 Vor ihm lagen diverse Dokumente, die belegten, dass der heute 72-jährige Vollstedt aus Hohenlockstedt (Kreis Steinburg in Schleswig-Holstein) unter dem Namen Max Diercks geboren wurde. „Ich hätte vor Scham im Boden versinken können“, sagt Vollstedt sichtlich bewegt. Die aufkommenden Gefühle haben ihn schlicht überwältigt, und er sei jahrelang nicht in der Lage gewesen, mit irgendjemandem über seine eigene Geschichte zu reden.

 Diese begann mitten im Zweiten Weltkrieg mit einer Affäre des Soldaten Karl-Heinz Wille aus Stadthagen mit der Kremperin Frieda Popp (geborene Diercks). Aus dieser kurzen Liebschaft entstand Max Diercks, der am 24. Januar 1942 das Licht der Welt erblickt hat. Allerdings nicht zur Freude seiner Eltern: „Ich denke, dass meine verheiratete Mutter mich als unerwünschtes Kind ins Heim gab und mein Vater vielleicht gar nichts von mir wusste. Es waren andere Zeiten, es war Krieg“, vermutet der Rentner. Die genauen Umstände seiner Geburt und seiner frühen Kindheit sind heute nicht mehr zu klären. Fest steht, dass Diercks 1946 von der Familie Vollstedt adoptiert wurde und fortan unter dem Namen Claus-Hermann Vollstedt sein Leben führte.

 Er besuchte die Volksschule in Remmels (Kreis Rendsburg), brachte 1960 seine Mauerlehre zum Abschluss, zog von zu Hause aus und ging zur Abendschule, um anschließend in Hamburg Bauingenieurwesen studieren zu können. Ab 1965 war er in diesem Beruf tätig, heiratete 1969 und gründete eine Familie. „Ich wollte mir recht schnell mein eigenes Leben schaffen“, sagt Vollstedt. Zwischen seinen (Pflege-)Eltern und ihm habe es immer eine gewisse Spannung gegeben. „Ihre Gene waren schlichtweg nicht in mir vorhanden.“

 Diese Missstimmung konnte bis zum Tod der Pflegeeltern Mitte der achtziger Jahre nicht überwunden werden. Als Vollstedt im Nachlass seiner Pflegeeltern nach der erwähnten Geige suchte, stieß er auf seine wahre Identität.

 30 Jahre ist dieser Moment mittlerweile her. Nach der anfänglichen Schockstarre verdrängte der Hohenlockstedter seine Vergangenheit zum Wohle seiner Familie: „Ich wollte meine Frau und meine Kinder damit nicht belasten“

 Erst zur Jahrtausendwende brach er sein Schweigen und setzte seine Familie nicht nur über die Adoption in Kenntnis: „Nachdem ich darüber gesprochen hatte, hat es mich doch gepackt – und ich wollte wissen, wer meine Eltern waren.“ Zu diesem Zeitpunkt wusste er allerdings noch nicht, dass eine Spur nach Stadthagen führen würde.

 Nach langen Recherchen und Anfragen bei zahlreichen Archiven konnte er die Namen seiner Eltern schließlich ausfindig machen. „Mein Wunsch war es, sie einmal auf einem Bild zu sehen.“ Bei seiner Mutter war die Suche erfolgreich, ein Foto des Vaters hat Claus-Hermann Vollstedt bis heute nicht.

 Sein leiblicher Vater, Karl-Heinz Wille, das ergaben die Recherchen, wurde am 14. Juni 1916 in Nenndorf geboren. Er fiel am 13. Mai 1944 als Soldat in einem Kriegsgefecht in Italien. Die Eltern von Karl-Heinz Wille, die ursprünglich aus Hagenburg stammende Luise Wille, geborene Steinmeier, und Heinrich Konrad Wille, lebten in Stadthagen an der Adolf-Schweer-Straße. Die mutmaßliche Großmutter von Claus-Hermann Vollstedt starb 1951, ihr Ehemann, der den Unterlagen zufolge Postbeamter war, 1976.

 Um das Grab kümmerte sich viele Jahre ein Großneffe der beiden, Werner Volker. Er lebt heute in dem ehemaligen Haus der Willes an der Adolf-Schweer-Straße. Erinnerungen an die Verstorbenen habe er nicht, sagt Volker. Auch von weiteren Verwandten wisse er nichts.

 Claus Vollstedt will die Spurensuche aber noch nicht aufgeben. Er hofft, dass sich vielleicht noch Bekannte an die Familie Wille erinnern – und ihm bei der Suche nach einem Foto seines Vaters helfen können. js

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