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Ein Machtwort für die Toleranz

Glaubensdisput am Kurfürstenhof Ein Machtwort für die Toleranz

Seine genaue Grabstätte ist unbekannt, kein Porträt oder Monument erinnert an sein Wirken und dennoch ist Joseph Samson, der als Rabbiner Joseph Statthagen bekannt wurde, eine der bedeutendsten Persönlichkeiten der jüdischen Geschichte Stadthagens. Ein theologischer Disput am kurfürstlichen Hof in Hannover am 21. Juli 1704 sollte den Höhepunkt seines geistlichen Schaffens darstellen, mit dem der Rabbiner nicht nur die Aufmerksamkeit des späteren britischen Königs Georg I. erregte.

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Einem Rabbi-Porträt Rembrandts könnte Joseph Statthagen geähnelt haben.

Quelle: PR.

STADTHAGEN. 1645 kam er im lothringischen Metz als Sohn eines Rabbiners zu Welt. Schon im Alter von 18 Jahren soll er 1663 selbst das Rabbiner-Amt angetreten haben und sich dabei, wie es üblich war, nach seiner Wirkungsstätte in der früheren Schreibweise umbenannt haben. Ob die Überlieferung in der Frage des Alters verlässlich ist, zweifelt Jürgen Lingner vom Verein Ehemalige Synagoge aber an. Der wohlhabende Mann soll im Lauf seines Lebens fünf Häuser besessen haben und hatte sieben Töchter und zwei Söhne.

Die Zahl der Juden schätzt Lingner auf höchstens 60 in der Stadt und 150 im Fürstentum Schaumburg-Lippe zur Zeit des Rabbis. „Eine Synagoge gab es damals nicht. Gottesdienste mussten in teilweise baufälligen Privathäusern abgehalten werden“, erklärt Lingner. Auch 1735 lehnte die Stadt noch den Bauantrag der jüdischen Gemeinde auf ein eigenes Gotteshaus ab. Ihre Toten durften die Juden nur außerhalb der Stadtmauern beisetzen und keine jüdischen Grabsteine errichten: „Um das christliche Auge nicht zu beleidigen“, sagt Lingner.

Namen gemacht durch reges Publizieren

Aller Umstände zum Trotz, machte sich der Geistliche durch sein reges Publizieren einen Namen unter den europäischen Israeliten. „In Amsterdam, wo es damals eine große jüdische Gemeinde gab, veröffentlichte er seine theologischen Schriften und Predigten“, so Lingner. „Divrei Sikkaron“ von 1705 gilt als sein bekanntestes Werk. Als Kenner des Neuen Testaments nahm er oft an Religionsgesprächen teil, die schon seit dem späten Mittelalter zwischen Juden und Christen vor gelehrtem Publikum ausgetragen wurden.

Auch ein namentlich nicht bekannter christlicher Konvertit, früher selbst Rabbi, beteiligte sich seinerzeit rege an der interreligiösen Streitkultur: „Basierend auf den jüdischen Überlieferungen versuchte der Konvertit zu beweisen, dass Jesus von Nazareth der Sohn Gottes und nicht etwa nur ein jüdischer Prophet gewesen ist, um das Judentum damit zu widerlegen“, erklärt Lingner. Aus der theologischen Kritik strikte sich der Mann ein cleveres Geschäftsmodell. Er zog über die Fürstentümer, an deren Höfen nicht selten jüdische Financiers verkehrten, und stellte die dortigen Gemeinden vor die Wahl: Entweder, sie verteidigen ihren Glauben gegen seine Anfechtungen oder ziehen sich mit einer Zahlung aus der Affäre.

Keine leichte Beute

Am Kurfürstlichen Hof in Hannover sollte der gewiefte Konvertit keine leichte Beute machen. Leffmann Behrens, Vorsteher der jüdischen Gemeinde und einflussreicher Bankier, sogenannter „Hofjude“ des Kurfürsten Georg Ludwig, bestellte per Depesche den 59 Jahre alten Stadthäger Rabbiner ein, um ihn umgehend gegen den Apostaten ins Feld zu führen. Unter den Adeligen, Hofbeamten und Gelehrten im Palais an der Leinstraße traf der Rabbi auch auf einen alten Bekannten: Der Abt von Loccum, Gerhard Wolter Molanus, der an der Universität Rinteln lehrte, erinnerte sich anerkennend an einen Disput mit dem Rabbi vor 40 Jahren. Auch die Neugier des Philosophen Gottfried Wilhelm Leibniz musste der Abt später stillen, weil dieser nicht selbst beiwohnen konnte.

Dreieinhalb Stunden disputierten die Kontrahenten an einem Tisch in den Gemächern der Kurfürstin. Mit eigenen Abschriften jüdischer Quellen versuchte der Konvertit, Jesus zum ersehnten Messias zu erklären und wetterte gegen das Beschneidungsgebot. Über Evangelium und Kabbala stritten die beiden, bis der Konvertit schließlich das Bekenntnis forderte: Welcher Glaube ist der richtige? „Wir verdammen keinen Glauben, wer nur an Gott den Schöpfer des Himmels und der Erde glaubt“, gab ihm der Rabbi als Antwort und holte damit in den fürstlichen Augen den Punktsieg: „Ihr habt bisher nichts bewiesen“, urteilte die Kurfürstin über den Konvertiten, richtete ihren Dank an den Rabbi und sagte: „Wir haben alle einen Gott.“

Statthagen hielt die Diskussion auf zwölf Seiten in hebräischer Handschrift fest. Zu seinen Lebzeiten schlug der Disput weder große Wellen, noch konnte er darüber die Situation der Juden signifikant verbessern. Schon 1706 wie alle Glaubensbrüder von der Ausweisung durch den schaumburg-lippischen Landesherrn bedroht, bekam der Rabbi doch noch einen weiteren Schutzbrief ausgestellt und konnte bleiben. Nachdem er 1715 im Alter von 69 Jahren verstarb, ereilte die Juden zwei Jahre später doch noch die Ausweisung und die Familie Statthagen verließ das Fürstentum nach Eldagsen.

Veröffentlichung erst 200 Jahre später

Erst 1914 veröffentlichte sein Nachfahre Aron Hirsch eine deutsche Übersetzung der Schrift und nannte sie in der Einleitung „ein Unikum nach der Richtung hin, daß wir aus den deutschen Landen ein zweites Beispiel für ein solch‘ öffentliches [...] Religionsgespräch nicht nachweisen können“. Doch am Vorabend des 1. Weltkrieges war die Zeit über das Werk hinweg gegangen. „Gerade die liberalen Juden hatten sich längst von den Grundfesten der theologischen Disputation abgekehrt“, erklärt Andreas Kraus vom Förderverein. Schon Heinrich Heine hatte in seiner 110 Verse langen „Disputation“ von 1851 für diese Form der Auseinandersetzung zwischen Christen und Juden nur bissigen Spott übrig.

Ist der historische Disput über den wahren Glauben also über die Jahrhunderte ungehört verhallt? Nicht unbedingt: „Er könnte Lessings Inspiration für sein Werk ‚Nathan der Weise‘ gewesen sein“, vermutet Kraus. Zwar ist dieser Zusammenhang nicht überliefert, über einen Umweg aber denkbar. Der mit dem Dichter befreundete jüdische Aufklärungsphilosoph Moses Mendelssohn gilt als Vorbild der Hauptfigur, und von eben jener Frage nach der einzig wahren unter den drei monotheistischen Religionen und der Toleranzidee der Aufklärung lebt das 1779 erschienene Werk. geb

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