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Ein Parteibuch ist kein Muss

Stadthagen Ein Parteibuch ist kein Muss

Mit Oliver Theiß tritt am 1. November ein unabhängiger Bürgermeister sein Amt an. Kein Novum für Stadthagen: Schon Vorvorgänger Jürgen Hoffmann war parteilos. Auch sonst gibt es zwischen den beiden einige Parallelen.

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Besuch an seiner alten Wirkungsstätte: Jürgen Hoffmann war von 1998 bis 2006 Bürgermeister von Stadthagen.

Quelle: rg

Stadthagen. Rückblende: Hoffmann war 1997 nach internen Querelen aus der SPD ausgetreten und hatte als parteiloser Anwärter für den Posten des damals ersten hauptamtlichen Bürgermeisters kandidiert. Zuvor war der bis dahin selbstständige Steuerberater zwei Wahlperioden ehrenamtliches Stadthäger Stadtoberhaupt gewesen.

 Seine Partei hatte frühzeitig auf ihn gesetzt, als es um die Wahl des „eingleisigen Bürgermeisters“ ging, Hoffmann machte dann aber zunächst aus privaten Gründen einen Rückzieher. Die SPD musste sich nach einem anderen Kandidaten umschauen. Zwei Bewerber warfen ihren Hut in den Ring: die damalige stellvertretende Stadtdirektorin Annette Pramann, inzwischen mit dem Stadthäger Einzelhändler Carsten Bürgel verheiratet, und Richard Wilmers.

 Der frühere GEW-Landesvorsitzende und Gründungsrektor der IGS Schaumburg machte in einem parteiinternen Auswahlverfahren das Rennen. Eine Nominierung, die vor allen Vertretern des rechten Parteiflügels, zu denen auch Hoffmann gehörte, arge Bauchschmerzen bereitete. Ermuntert von vielen Bürgern, entschied Hoffmann sich überraschend, nun doch noch für das Bürgermeisteramt anzutreten.

 Um die zwangsläufig drohende Demontage ihres offiziellen Kandidaten Wilmers zu verhindern, leitete die SPD-Führung ein Ausschlussverfahren wegen parteischädigenden Verhaltens gegen Hoffmann ein. Der kam seinem Rauswurf durch Austritt zuvor.

 „Mir war klar, dass das eine Zumutung für meine Partei war“, räumt Hoffmann heute rückblickend ein. Bereut hat er seinen damaligen Alleingang indessen nicht. „Ich habe im Wahlkampf viel Unterstützung bekommen“, erinnert er sich. Sogar aus dem Lager von CDU und SPD.

 So schaffte er, was in diesem Frühsommer auch Oliver Theiß gelungen ist: Er eroberte als Parteiloser das Rathaus. Die Kandidaten der beiden großen Parteien, Richard Wilmers sowie Gunter Feuerbach von der CDU, hatten keine Chance – von den drei weiteren Bewerbern kleinerer Gruppierungen ganz zu schweigen.

 Ironie der Geschichte: 17 Jahre später war es Wilmers, der nach seinem politischen Wechsel zur WIR einen Parteilosen unterstützt und auf diese Weise zum Sturz des SPD-Kandidaten beitrug.

 „Die Fähigkeiten, ein solches Amt zu führen, sind nicht an eine Parteimitgliedschaft gebunden“, steht für Hoffmann fest. Er fügt aber hinzu: „Dem Bürgermeister, der einer Partei angehört, ist die Partei auch verpflichtet.“ Soll heißen: Der Verwaltungschef kann in „seiner“ Fraktion mitbestimmen. Für einen parteilosen Bürgermeister bringe das Fehlen dieser Möglichkeit eine gewisse Isolation mit sich, was die Zusammenarbeit mit den Fraktionen nicht zwangsläufig schwieriger mache. „Ich hätte mit meiner Fraktion wahrscheinlich auch so die gleichen Probleme gehabt“, glaubt Hoffmann.

 Wichtiger für ihn: eine loyale Verwaltung, die hinter dem Bürgermeister steht. „Ich habe mir meine Amtsleiter geholt und gesagt: Ich bin drei Tage hier, ihr 30 Jahre“, erzählt Hoffmann. Der Wunsch, von der Erfahrung seiner Leute zu profitieren, sei ihm erfüllt worden. Die Zusammenarbeit habe gut funktioniert.

 Umgekehrt, so macht Hoffmann deutlich, sollte ein Bürgermeister aber auch auf den Rat seiner Verwaltungsfachleute hören und ihnen vertrauen. Als Stadtoberhaupt brauche man nicht unbedingt zu wissen, „wie man einen Pass ausstellt. Man muss entscheiden können – und das notfalls auch allein und gegen Widerstände“.

 Im Großen und Ganzen habe während seiner Amtszeit auch mit der Politik Einvernehmen geherrscht, bilanziert Hoffmann. Unstimmigkeiten sind in seiner Erinnerung die Ausnahmen gewesen. So habe er sich im Jahr 2002 gegen SPD und FDP durchgesetzt, die liebend gern die Landesgartenschau nach Stadthagen geholt hätten.

 Den Tropicana-Neubau konnte Hoffmann 2004 trotz seines öffentlichen „Nein“ nicht verhindern. Er hält ihn bis heute wegen der immensen Kosten für einen Fehler. Seit dieser Zeit hat er oft und zumeist als Einziger gegen den eigenen Haushalt gestimmt. Er sei damals „als Geizkragen verschrien“ gewesen, weiß Hoffmann. Aber: „Wenn es zu viel ist, sagt man halt mal Nein.“ Das Verhältnis zum Rat blieb bis zum Schluss seiner Amtszeit angespannt.

 „Ich habe sechs Millionen Euro Schulden hinterlassen“, sagt Hoffmann, „jetzt haben wir 18 Millionen.“ Das will er aber nicht als Kritik an seinem Nachfolger Bernd Hellmann verstanden wissen. Das Geld sei nicht verplempert worden, sondern unter anderem für den Umbau der Schulen, für Familien und das Personal sinnvoll verwendet worden.

 Den Grund für Theiß’ Wahlerfolg sieht Hoffmann nicht allein beim Dauerbrenner Asphalt-Mischwerk. Dass Hellmann das Thema die Wiederwahl gekostet hat, habe dieser selbst auch nicht zu verantworten. „Letztlich hat er es richtig gemacht“, sagt Hoffmann mit Blick auf die Ansiedlungsentscheidung. Es sei wohl vielmehr so, „dass die Wähler einfach frischen Wind wollten“.

 Was die kommenden acht Jahre betrifft, ist Hoffmann zuversichtlich: „Ich bin ganz sicher, dass der Olli eine gute Figur machen wird. Er darf nur nicht den Eindruck erwecken, dass er jetzt nach der Pfeife der Bürgerinitiative tanzt.“ mf, aw

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