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Ein Wunsch und eine lange Suche

Paar träumt von neuer Wohnung Ein Wunsch und eine lange Suche

 Tannenbaum und festliche Beleuchtung werden an Heiligabend bei Sandra Nehring und Marne Wolf fehlen. Sie wohnen in der städtischen Unterkunft für Obdachlose an der Herminenstraße. Schimmel in der gesamten Wohung mache das Leben dort nahezu unerträglich. Die Stadt kommt mit dem Sanieren jedoch nicht hinterher.

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Marne Wolf und Sandra Nehring vor ihrer derzeitigen Bleibe. Sie wohnen im vorderen Haus. Das Gebäude im Hintergrund ist wegen des schlechten Zustands gesperrt. ÷ Der Schimmel im Wohnzimmer und den anderen Räumen belastet das Paar.
 Foto: jemi

STADTHAGEN. Sie haben zwar ein Dach über dem Kopf, aber selbst Kerzen können hier keine weihnachtliche Atmosphäre aufkommen lassen. Der 43-jährige Wolf, ein „echter Ossi“, wie er sich selbst bezeichnet, hat lange auf der Straße gelebt. „Zu lange.“ Viele Jahre in Berlin. „Das war allerdings ein hartes Leben“, sagt er. Dahin möchte er nicht zurück. Wobei eine Großstadt auch Vorteile mit sich bringe. Da habe er immer eine leer stehende Wohnung gefunden, in der er unterschlupfen konnte. Nun lebt er mit seiner Freundin Sandra in der städtischen Unterkunft für Obdachlose an der Herminenstraße in Stadthagen. Dort haben sich die beiden auch kennengelernt, schon vor einigen Jahren. Seit Kurzem sind sie ein Paar.

Intensiver Schimmelgeruch

 Ihr Traum für das nächste Jahr? Die Antwort kommt rasch – ohne eine Sekunde überlegen zu müssen: „Eine eigene Wohnung.“ Endlich die jetzigen Räume verlassen. Schon beim Betreten der Wohnung fällt dem Besucher der intensive Schimmelgeruch auf. Türen, Wände und der Boden der Küche sind mit schwarzen Flecken übersät. Hinter dem Sofa frisst sich der Schimmel die Wand hoch. In der oberen Wohnung tropft es immer wieder von der Decke – auch dort sind die Spuren von Schimmel nicht zu übersehen. „Türen, aber auch ein Teil der Möbel, sind so vergammelt, dass wir sie entsorgen mussten“, berichtet Nehring und zeigt durch das Wohnzimmerfenster nach draußen in den Garten. Immer wieder entschuldigt sie sich für die Unordnung im Haus. Auch die Toilette und Dusche sind wenig einladend. Das Paar versuche so oft wie möglich, sich nicht in dem Haus aufzuhalten. Sie seien bei Freunden oder mit den Hunden draußen.

 Die Suche nach einer kleinen eigenen Wohnung auf einem angespannten Immobilienmarkt ist zäh. Hinzu kommt: „Ich ziehe nicht ohne meine beiden Babys um“, sagt Sandra Nehring, die aus Lemgo stammt. Damit sind der belgische Schäferhund Aaron und der Mischlings-Terrier Rocker gemeint. Hunde seien für viele Vermieter ein Ausschlusskriterium. „Wir suchen wie bescheuert“, sagt die Frau mit den pink gefärbten Haaren. Sie ist mit 17 Jahren von zu Hause ausgezogen. „Das war zu früh.“ Zumal sie keinen Schulabschluss, geschweige eine Ausbildung hat. Es sei eine Zeit der Rebellion gewesen. „Jetzt bin ich nur noch lieb“, sagt sie lachend. Sie hätten eine Wohnung in Aussicht. Ob das klappt, stehe jedoch noch nicht fest.

Zu wenig günstige Wohnungen

 Ralf Schütte von der Beratungsstelle für wohnungslose Frauen und Männer in Stadthagen bestätigt das Dilemma der meisten Obdachlosen, die sich von dem Leben auf der Straße verabschieden wollen. „In dem Preissegment gibt es zu wenig Wohnungen.“ Die Wohnfläche dürfe nur etwa 50 Quadratmeter betragen, aber nicht mehr als 332 Euro kalt kosten. Warm liegt der Preis dann bei knapp 430 Euro warm. „Klingt erst mal gar nicht so schlecht“, sagt er. Allerdings seien die Wohnungen heutzutage auf einem solch hohen Standard, also schlicht zu gut, sodass sie von HartzIV nicht bezahlt werden können. Zudem verlangten viele Vermieter eine sogenannte Schufa-Bonitätsauskunft-Auskunft. Ebenfalls nicht selten ein Ausschlusskriterium.

 Von einem hohen Standard sind die Wohnungen an der Herminenstraße weit entfernt: „Wir haben ganz bestimmt keine hohen Ansprüche“, sagt Nehring. Aber sie könne nicht verstehen, dass die Stadt nichts gegen den Schimmel unternehme. Das zweite Haus auf dem Grundstück sei immerhin schon gesperrt worden, weil es so baufällig ist. Es reiche aus ihrer Sicht einfach nicht aus, die Wände mit Anti-Schimmel-Substanzen zu reinigen und anschließend mit Farbe zu überstreichen. Einige Wochen später seien die Wände wieder schwarz. „Da ich Asthmatikerin bin, ist der Schimmel für mich sehr gefährlich. Mein Arzt war auch entsetzt, als ich ihm die Fotos von der Wohnung gezeigt habe“, meint Nehring.

Heißes Pflaster

 Häuser für Obdachlose „sind ein heißes Pflaster“. Es sei nicht unbedingt ein Klischee, dass viele Alkoholiker seien. Eingetretene Türen kämen immer wieder vor, ebenso Konflikte unter den Mitbewohnern. „Mir sind hier auch schon Leute weggestorben“, erinnert sich Nehring. „Meine Schwester könnte hier nicht leben. Die würde kaputt gehen.“ Die sehe sie nun an Weihnachten wieder. Darauf freue sie sich. Der Kontakt zu ihrer Familie ist wieder wichtig – und somit wird bei ihr doch noch etwas Weihnachtsstimmung aufkommen. Einige Kilometer von der Herminenstraße entfernt.

Sanieren oder abreißen?

 Menschen, die in Stadthagen eine Wohnung suchen oder Schwierigkeiten haben, ihre Wohnung zu halten, sind keine Seltenheit. In diesem Jahr haben 141 Stadthäger die Hilfe der Beratungsstelle für wohnungslose Frauen und Männer in Anspruch genommen. Das berichten die beiden Mitarbeiter Ralf Schütte und Frauke Harmening. In der Unterkunft für durchreisende Obdachlose fanden sich im vergangenen Jahr 97 Menschen ein. 2014 waren es 115 Personen.
Ein weiterer Treffpunkt für Wohnungslose und schlecht situierte Stadthäger ist auch das Café an der Krummen Straße 40. Hier gibt es täglich ein Frühstück für wenig Geld, das bringt soziale Kontakte und Beratung. Bis zu 30 Besucher kommen jeden Tag in das Café. Viele von ihnen finden nach einer Weile auch den Weg in die obere Etage, wo die Beratungsstelle von Schütte und Harmening angesiedelt ist. „Der niederschwellige Zugang ist ein Vorteil“, lobt auch Iris Freimann, Fachbereichsleiterin Bürgerdienste. Aus diesem Grund unterstützt die Stadt das Café jährlich mit 1000 Euro.
Schütte betont, wie wichtig es sei, die Menschen zu unterstützen. Häufig wären sie etwa mit Bescheiden des Jobcenters überfordert oder hätten persönliche Probleme. „Man kann Obdachlosigkeit nicht einfach verwalten“, so Schütte. Das gelte aus seiner Sicht auch für die Unterkunft an der Herminenstraße. Man müsse den Menschen etwas Vernünftiges bieten, damit sie es auch dementsprechend behandeln. Das Wichtigste sei allerdings, dass sie begleitet werden.
Freimann sind die Beschwerden wegen Schimmel bekannt, sagt sie. Es habe diverse fachgerechte Maßnahmen der Bauunterhaltung in der Vergangenheit gegeben. „Es treten aber immer wieder Schäden auf. Wir kommen kaum hinterher.“ Schließlich sei auch die Wohnweise entscheidend, wie sich ein Gebäude entwickle. Vor Kurzem habe die Stadt etwa die komplette Elektrik in dem Haus erneuert. Was mit dem seit einem Jahr leer stehenden Gebäude an der Herminenstraße passiert, stehe noch nicht fest, so Freimann. Ob das noch bewohnte Haus umfassend saniert wird, müsse ebenfalls in den politischen Gremien entschieden werden.  jemi

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