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22:13 10.08.2011
Das Bild zeigt Wilhelm Rosenfeld (Dritter von rechts) bei seiner Deportation auf der Enzer Straße am 10. November 1938, dem Tag nach der Reichspogromnacht. Wer das Foto machte, ist nicht bekannt. pr.
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Stadthagen (aw). Im Herbst 2010 hatte der Arbeitskreis „Geschichte der Juden in Stadthagen“ des Fördervereins ehemalige Synagoge mit den Recherchearbeiten für eine „Stolperstein“-Aktion in Stadthagen begonnen. „Unser Vorstand hat das nach langer Überlegung beschlossen“, erklärte Lingner.

Das Haus an der Wallstraße 3 gehörte einst der Familie Rosenfeld. Großmutter Bertha, Irma, ihr Mann Wilhelm und Tochter Liesel Rosenfeld lebten dort bis zu ihrer Deportation. Man habe sich bewusst für eine ganz normale Familie entschieden, so Lingner, um zu zeigen, wie weit verbreitet und alltäglich die Judenverfolgung war.

„Wir wollten auch auf das Schicksal von Menschen aufmerksam machen, die nicht im Fokus der Öffentlichkeit stehen“, so Grumblies. Zugleich ist Liesel Rosenfeld die jüngste, Bertha die älteste deportierte Stadthägerin. Nach Kriegsende kehrte Irma Rosenfeld nach Stadthagen zurück und versuchte, ihr Eigentum wieder zu bekommen – mit geringem Erfolg. 1948 wanderte sie in die USA aus.

Flora Philippsohn wohnte bis zu ihrem Abtransport gemeinsam mit ihrem Mann und den Söhnen Bernhard und Julius an der Obernstraße 17. Sie starb 1943 im Konzentrationslager Theresienstadt. Ihr Sohn Julius, der mit einer arischen Frau verheiratet war, praktizierte später als Arzt in Ronnenberg. Zu seinem Sohn, der in Garbsen lebte, hatte der Arbeitskreis bis zu dessen Tod vor rund sechs Monaten engen Kontakt. Flora Philippsohns Urenkelin will zur Verlegung der Stolpersteine kommen.

Um die Geschichte dieser Menschen aufzuarbeiten, befragte der Arbeitskreis auch fünf Zeitzeugen. Allerdings, erklärte Grumblies, seien diese Gespräche nicht so erfolgreich gewesen wie erhofft. Viele Zeitzeugen seien schlicht zu alt und vermischten Erinnerung mit Gehörtem oder Gelesenem.

Abhilfe schaffte dagegen der Gang in die Archive, das Staatsarchiv Bückeburg und das Hauptstaatsarchiv in Hannover. Dort sind in den vergangenen zehn Jahren Entschädigungsakten eingegangen, bis vor einigen Jahren gesperrte Unterlagen des hannoverschen Oberfinanzpräsidenten aus der NS-Zeit und Rückerstattungsakten aus der Zeit nach 1945, die erst vor Kurzem von den Behörden abgegeben wurden. „Daraus haben wir die Biografien für die Stolpersteine entnommen“, sagte Grumblies.

Maßgebend in Sachen Literatur zur Judenverfolgung in Stadthagen während der NS-Diktatur sind Grumblies zufolge ein Artikel aus dem „Handbuch der jüdischen Gemeinden“ und Friedrich Bartels’ „Juden in Stadthagen“. Letztgenanntes ist allerdings vergriffen, weshalb der Arbeitskreis nach den Worten Lingners darüber nachdenkt, das Buch in einer aktualisierten Form neu herauszubringen.

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