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Erst Freispruch, dann Leviten gelesen

Stadthagen/Bückeburg / Sexueller Missbrauch nicht nachzuweisen Erst Freispruch, dann Leviten gelesen

Freispruch mit Schönheitsfehler: Im Prozess gegen einen Stadthäger (45), der mit einer Neunjährigen im Doppelbett lag, hat das Landgericht in Bückeburg den Angeklagten vom Vorwurf des schweren sexuellen Missbrauchs freigesprochen. Die Leviten las Richterin Birgit Brüninghaus dem 45 Jahre alten Mann trotzdem.

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Quelle: dpa

Stadthagen/Bückeburg (ly). „Ein Geschmäckle bleibt“, sagte sie. Soll heißen: Moralisch hält die 1. Große Jugendkammer das Verhalten des Angeklagten für bedenklich, auch wenn es keine Straftat darstellt.
So kann das Gericht nicht nachvollziehen, dass der 45-Jährige mit dem Mädchen im Doppelbett geschlafen hat, während seine Lebensgefährtin auf dem Sofa nächtigte. Dass der Stadthäger die Schülerin vorm Einschlafen gestreichelt hat, angeblich eine Art Ritual, finden die vier Richter ähnlich befremdend. „So etwas tut man nicht“, betonte Brüninghaus, die Vorsitzende der Kammer.
Nicht nachweisen ließ sich dagegen, dass der Hausherr die Neunjährige, die damals bei ihm und seiner Verlobten zu Besuch war, missbraucht hat. „Im Ergebnis“, so hieß es, „siegen die Zweifel.“ Ein vom Gericht bestellter Gutachter war zu dem Schluss gekommen, dass die belastende Aussage des Mädchens unglaubhaft ist. Zu viele Widersprüche und Ungereimtheiten – dieser Einschätzung schloss sich die Kammer an.
Verwundert zeigte sich das Gericht zum Beispiel darüber, dass es dem Kind zufolge bei offener Schlafzimmertür zu sexuellen Übergriffen gekommen sein soll, während die Lebensgefährtin des Mannes nur wenige Meter entfernt schlief. Ferner hatte die Neunjährige einmal sinngemäß behauptet, der Stadthäger habe freiwillig von ihr abgelassen, nachdem sie „Stopp!“ gerufen habe. In einer anderen Vernehmung erzählte sie, nach dem Ausruf sei die Verlobte hereingekommen und von dem Mann geschlagen worden.
Richterin Birgit Brüninghaus nimmt an, dass die Schülerin mit ihren „sozial angepassten Angaben“ Erwartungen erfüllen wollte. Eine Aussage, dass der Angeklagte sie nur gestreichelt habe, sei nicht akzeptiert worden.
Dennoch macht das Gericht den Eltern keinen Vorwurf. „Ihre Motivation war sicherlich Besorgnis und Fürsorge“, glaubt Brüninghaus. Nicht widerlegen lässt sich nach Überzeugung der Kammer die Darstellung des Angeklagten. Demnach hat der 45-Jährige Haare, Rücken und Beine des Kindes gestreichelt, nicht jedoch den Intimbereich.
Ob Maxie Böllert-Staunau, die Anwältin der Eltern, gegen das Urteil Revision einlegt, war zuletzt noch offen. Staatsanwalt Frank Hirt und Verteidiger Reiner Wötzel hatten auf Freispruch plädiert.

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