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Stadthagen Stadt Gepanzerte Wagen aus Stadthagen
Schaumburg Stadthagen Stadthagen Stadt Gepanzerte Wagen aus Stadthagen
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22:38 27.04.2018
In der Fahrzeughalle sind Mitarbeiter gerade dabei, einen Nissan Patrol zu panzern. Unten ist ein gepanzerter Toyota Land Cruiser zu sehen. Quelle: In der Fahrzeughalle sind Mitarbeiter gerade dabei, einen Nissan Patrol zu panzern.
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Stadthagen

Im Juni 2017 sind beim Unternehmen Fahrzeugbau Stadthagen die Lichter ausgegangen. Seit Mitte Januar herrscht auf dem Gelände an der Nordsehler Straße wieder reger Betrieb. Der auf Panzerungen von Geländewagen spezialisierte Betrieb war in die Insolvenz geraten. Die Firma TAG (The Armored Group) Germany GmbH hat das Gelände mitsamt Gebäuden und Werkzeug im November gekauft – und sogar 15 der ehemaligen Mitarbeiter übernommen.  Geschäftsführer Oliver Gucia hofft, bis Ende des Jahres auch die restlichen der bei der Insolvenz gekündigten 25 Mitarbeiter wieder einstellen zu können.

Mitarbeiter haben entschieden

Dass TAG sich Stadthagen als Standort ausgesucht hat, ist kein Zufall. Denn das Unternehmen ist ebenfalls auf die Panzerung von Geländewagen spezialisiert. „Ich wollte den Betrieb eigentlich in Brandenburg ansiedeln, in der Nähe des Flughafens, weil dort die Kunden und Botschaften sitzen.“ Aber die Mitarbeiter hätten nicht aus Stadthagen weggewollt, erklärt Gucia die Entscheidung, warum sich jetzt neben Standorten in Toronto, Detroit und Dubai die Kreisstadt mit dem kleinsten Werk einreiht.

Tatsächlich hatte der zuständige Insolvenzverwalter Manuel Sack im vergangenen Sommer die Entscheidung bedauert, dass der Mitbewerber nicht angebissen hatte, „weil der Standort geografisch nicht passte“. Letztlich hat sich Gucia doch für Stadthagen entschieden: Zwar sei der Betrieb der kleinste, aber die Expertise der Mitarbeiter, die teilweise bereits seit 25 Jahren bei Fahrzeugbau gearbeitet haben, sei ein großes Pfund.

Know-how zählt

Gucia ist nach sechs Jahren, die er in Dubai für die Daimler AG gearbeitet hat, zurück nach Deutschland gekommen – „als ich von der Insolvenz gehört habe“. Der 35-Jährige kannte den Betrieb von seiner Tätigkeit in München bei einem Mitbewerber. „Ich wusste also, was ich kaufe und die hohe Qualität der Produkte war ausschlaggebend“, sagt Gucia, der dafür Mitgesellschafter des TAG-Gründers Robert Pazderka geworden ist. Deswegen würden vor Ort auch die höchsten Schutzklassen gebaut. Statt einer bloßen schusssicheren Panzerung sei bei den Aufbauten in Stadthagen auch der Schutz gegen Ansprengung standartmäßig. „Das geht nur durch das Know-how der Kollegen.“ Der wichtigste Schritt sei nun, neue Aufträge zu erhalten, „denn die Kunden sind natürlich aufgrund der Insolvenz alle abgesprungen“.

In der Fahrzeughalle sind Mitarbeiter gerade dabei, einen Nissan Patrol zu panzern.

Wie berichtet, hatte der Insolvenzverwalter „Führungs- und Finanzierungsprobleme“ als Gründe für das Ende der Firma angegeben. Dass sich kein Käufer gefunden habe, sei dem Umstand geschuldet, dass es keine Aufträge gebe und der Käufer für eine gewisse Phase eine Zwischenfinanzierung gewährleisten müsse.

Zusätzliche Geschäftsmodelle

Dies bestätigt Gucia, der von Ausschreibungsdauern von rund sechs Monaten spricht. Deswegen habe er zusätzliche Geschäftsmodelle ins Programm genommen: Karosseriearbeiten und -aufbauten bietet TAG Germany ebenso an wie Lackierarbeiten. Er habe, so Gucia, vorher das Umfeld analysiert, ob sich dieses Angebot lohnt. „Von den rund 100 Lackierbetrieben in einem Radius von 100 Kilometern gibt es nur zwei Betriebe, die eine 18 Meter lange Kabine haben, in denen Busse, Lkw und Boote lackiert werden können. Es gibt also so gut wie keinen Wettbewerb.“

Das Kerngeschäft ist jedoch die Panzerung von Geländewagen, Nissan Patrol und Toyota Land Cruiser. Auftraggeber seien neben Privatkunden auch Regierungen, Nichtregierungs-Organisationen, Einrichtungen des Militärs und Spezialeinheiten – „zu 95 Prozent fürs Ausland“, so Gucia. „Die Vereinten Nationen sind unsere größten Kunden. Wir haben unsere Nische gefunden, sodass die Werke permanent ausgelastet sind.“ Allein das Werk in den USA habe für die nächsten zehn Jahre Aufträge, weil dort speziell für das US State Departement gearbeitet werde.

200.000 Euro kostet ein Wagen

Die Kosten für ein gepanzertes Fahrzeug beziffert der Manager auf rund 200.000 Euro. Er rechne damit, den Umsatz des Vorgängerbetriebs – etwa 5 Millionen Euro jährlich – auch wieder erreichen zu können. Das Hauptbüro der Gesellschaft mit 500 Mitarbeitern befindet sich in Phoenix, von wo der Ein- und Verkauf gesteuert wird.

Nach Worten Gucias gibt es in Deutschland etwa fünf Mitbewerber, in Dubai rund 15 und in Südamerika gar 35. Gucia geht davon aus, bei voller Besetzung um die 80 Fahrzeuge jährlich ausliefern zu können. „Die Arbeit ist sehr zeitintensiv. Schließlich bleibt anfangs nur die Rohkarosse mit dem Motor übrig, auf die dann zehn Millimeter Panzerstahl angebracht werden.“ Aufgrund des Gewichts müssten dann auch die Bremsen und vor allem Achsen modifiziert werden. Bis zur Fertigstellung vergingen so drei Monate.

Wenig prestigeträchtig

Von dem rund 4500 Quadratmeter großen Firmengelände an der Nordsehler Straße ist der 35-Jährige nicht begeistert, wie er offen zugibt. „Für das Produkt, das wir hier bauen, ist das Areal nicht repräsentativ.“ Es sei deutlich, dass seit Langem nicht in den Standort investiert worden ist. Das soll sich nun ändern. In einem ersten Schritt sollen kaputte Scheiben ausgetauscht und das Gebäude gestrichen werden. Eventuell soll auch eine weitere Produktionshalle entstehen. Und Gucia plant weiter: Der Betrieb biete auch Ausbildungsplätze für Karosserie- und Fahrzeugbauer an, „wir sind auch für Flüchtlinge und Praktikanten offen“, betont der Manager. col

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