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Gericht rekonstruiert ein Menschenleben

Stadthagen/Bückeburg / Türke oder Libanese? Gericht rekonstruiert ein Menschenleben

Die einen sagen so, die anderen so. Von seinem Verteidiger wird der Angeklagte mit einem libanesischen Namen angesprochen, vom Staatsanwalt mit einem türkischen. Kein Wunder: Während der (nach eigenen Angaben) 1948 geborene Mann versichert, Libanese zu sein, hält die Anklage ihn für einen Türken mit entsprechender Staatsangehörigkeit.

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Stadthagen/Bückeburg (ly). „In der Türkei war ich bisher nur zu Besuch“, beteuert er, übersetzt von einem Dolmetscher. Um die wahre Identität des Stadthägers geht es in einem Prozess, der jetzt vor der Berufungskammer am Bückeburger Landgericht begonnen hat. In erster Instanz hatte das Amtsgericht Stadthagen eine sechsmonatige Freiheitsstrafe mit Bewährung verhängt, unter anderen wegen Erschleichens von Aufenthaltstiteln. Dreimal in drei Jahren soll der Familienvater gegenüber der Ausländerbehörde des Landkreises falsche Angaben gemacht haben, um auf illegalem Wege eine Verlängerung seiner Aufenthaltsbefugnis zu erreichen. Als Türke hätte er kein Asylrecht.

Mit auf der Anklagebank sitzt die Ehefrau. „Im Moment bin ich ungefähr 58 Jahre alt“, erklärt sie. „Wo ich geboren wurde, weiß ich nicht.“ Die Auslanderbehörde glaubt, dass Mann und Frau aus Ückavak kommen, einem 1300-Seelen-Dorf in der türkischen Provinz Mardin. Die Bevölkerung besteht laut Internet-Lexikon Wikipedia hauptsächlich aus Arabern. Tausende von Bewohnern, so heißt es weiter, seien Mitte der 1960er Jahre in den Libanon ausgewandert und bildeten in Beirut eine große Gemeinde.

Fest steht: Nach Deutschland gekommen ist die Familie 1990, bevor sie größer und größer wurde. Erst 2005 bekam die Ausländerbehörde einen Tipp und begann mit recht aufwändigen Ermittlungen. Fotos des Familienvaters wurden zwecks Identifizierung ans Bundeskriminalamt der Türkei geschickt, das dortige Militär um Fingerabdrücke gebeten - beides ohne durchschlagenden Erfolg.

Sicher ist, dass der Name des Angeklagten in einem türkischen Personenstandsregister steht. „Wie das da reingekommen ist, weiß ich nicht“, sagt der Stadthäger. Bei der Einreise nach Deutschland will er verletzt gewesen sein, die Folgen eines Bombenanschlags. „Ich war verfolgt und hatte keine Unterlagen mitgenommen.“ Neue Erkenntnisse über die Herkunft könnte ein DNA-Gutachten bringen. Die Expertise wird an einem der kommenden Sitzungstage vorgestellt. Zu beneiden sind die Beteiligten um dieses Verfahren nicht. Meistens beugen sich Männer in schwarzen Roben, Schöffen und Zeugen gemeinsam über amtliche Dokumente in fremder Sprache. Sie haben den Job, ein ganzes Menschenleben zu rekonstruieren.

Sechs Monate mit Bewährung, das wäre zu verkraften. Im Hintergrund geht es offenbar um mehr, nämlich Furcht vor der Abschiebung. Falls das Stadthäger Urteil Bestand hat, könnte später ein Verwaltungsgericht kurzen Prozess machen. Die Strafjustiz ist für Ausweisungen nicht zuständig. Der Prozess wird fortgesetzt.

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